Happy Birthday, Bachbahn
Der 90. Geburtstag ist gewöhnlich ein Anlass, an dem sich die lokale Prominenz die Klinke in die Hand gibt. Mindestens die Bürgermeister, meist auch der Landrat oder sein Stellvertreter scheuen keine Mühe, dem Jubilar die Ehre zu erweisen, bewaffnet mit Geschenkkörben und Blumensträussen. Doch beim heutigen Jubilar hat sich niemand angesagt. Die meisten werden es vergessen haben, manche wollen nichts mit ihm zu tun haben und andere wünschen sich sogar sein baldmöglichstes Verschwinden.
Wir wollen nicht länger verschweigen, wer denn der umstrittene Jubilar ist: Es ist die Bachbahn. Am 15. Oktober 1914 wurde sie eröffnet. Zumindest von Otterbach bis Weilerbach. Doch selbst dieses Ereignis wurde nicht gefeiert – die Deutschen waren kurz zuvor mit “Hurra“ in den Ersten Weltkrieg getaumelt – was war da schon die Bachbahn dagegen. Außerdem war sie noch nicht fertig, das Stück bis Reichenbach fehlte ja noch.
Doch schon der Bau war umstritten, zunächst wehrte sich die Bevölkerung von Erfenbach mit Händen und Füssen gegen den Bau – um dann eine Kehrtwende zu vollziehen, ja sie erzwangen förmlich die Trasse an der Lampertsmühle und ihrem Ort vorbei. Fast wäre sie eine Überlandstraßenbahn geworden – heute würdet man „Stadtbahn“ sagen, doch letztlich blieb nur die Sparversion, eine sogenannte Vizinalbahn.
Sie erlangte folglich nie eine überregionale Bedeutung – sie diente knapp 60 Jahre nur dem Schüler- und Pendlerverkehr in die nahe gelegene Stadt. Der letzte Personenzug fuhr an einem Samstag Ende Mai des Jahres 1972 um 7 Uhr in der Frühe. Kein Pressebericht, kein Abschiedsfoto im sonst vorzüglich sortierten Gemeindearchiv, nichts wurde der Nachwelt erhalten. Den Bahnhof überlies die Bundesbahn nach ein paar Jahren seinem Schicksal – noch im Jahr 1978 hing ein riesiger Abfahrtsplan vom Kaiserslauterer Hauptbahnhof aus dem Jahr 1974. Dort waren mondäne TEE-Züge nach Paris und Nachtschnellzüge nach Prag und Warschau aufgelistet.
Über 80 Jahre lang wurden Güter mit der Bachbahn transportiert: Rüben, Baustoffe, Rohstoffe, Briketts und vieles mehr. So manches Schlachtvieh trat seine letzte Fahrt an der Weilerbacher Verladerampe an – am Schlachthof im Lauterer Westbahnhof war dann Endstation – in jeder Hinsicht. Endstation war schon ein paar Jahre zuvor für die Strecke nach Reichenbach. Da leistete schon im Februar 1991 ein Bagger ganze Arbeit – und machte Platz für Skater und Radler. Doch wenigstens die Einstellung des Güterverkehr in Weilerbach fand öffentliche Beachtung. Weil es damals Hoffnung auf Wiederbelebung gab.
Seit Mai 1996 ist die Strecke ungenutzt und rechtlich „stillgelegt“. Dass sie nicht abgebaut wird, hat Gründe – aber die wollen manche nicht akzeptieren. Gutachten wurden erstellt, erst eins, dann ein Zweites, dann noch eins - bis endlich auch im fernen Mainz klar wurde, dass das Projekt der reaktivierten Bachbahn als Teil einer Lauterer Citybahn Sinn macht. Wie schon 100 Jahre zuvor protestierten die Erfenbacher – sie wollten die Bahn nicht mehr haben. Offenkundig hatte man den Neubürgern am alten Bahnhof Hoffnungen gemacht, dass das mit der Schiene nichts mehr wird. Sie fühlten sich hinters Licht geführt und suchten nach Gegenargumenten gegen die Bahn. Doch die Proteste haben die Wiedergeburt der Schiene nicht wirklich blockiert.
Dass nichts passiert hat andere Gründe. Denn die Landesregierung hat eine andere Eisenbahn im Auge, und die ist im Vergleich zur Citybahn richtig teuer. Sie soll die Fluggäste auf den Hahn bringen, Ryanair&Co. an den Hunsrück binden. Allein der Umbau der Strecke kostet 100 Mio. Euro, hinzukommen noch laufenden Kosten in zweistelliger Millionenhöhe. Da bleibt für die Bachbahn und andere Zugverbindungen im Land nicht mehr viel übrig. Das haben auch die Schienenexperten beim Zweckverband Süd in Kaiserslautern erkannt. Und beschlossen schon vor Jahren, den Zugverkehr auf Bachbahn zusammen mit anderen Strecken auszuschreiben. Die durch Konkurrenzdruck eingesparten Gelder sollten dann für die Züge nach Weilerbach genutzt werden. Nächstes Jahr soll die Ausschreibung veröffentlicht werden, der Auftrag wird im Dezember 2008 starten. Doch die Bachbahn bleibt wohl außen vor. Denn etwas Entscheidendes fehlt: Die Lauterer Citybahn. Ohne Die machen Züge nach Weilerbach keinen Sinn.
Der Countdown läuft: Schafft es die Stadt, die Fertigstellung der Citybahn zu garantieren, hat die Bachbahn doch noch eine Chance. Doch das Baurecht fehlt. Es fehlt auch die Schiene an die Kaiserslauterer Uni und das Fraunhofer-Institut. Zwei paar Stiefel, werden manche sagen. Vielleicht haben sie Recht. Vielleicht kann aber auch das Eine das Andere unterstützen. Synergie-Effekte sagen die Experten dazu.
In diesem Sinne: Happy Birthday, Bachbahn

Fritz Engbarth

Epilog: Eine halbe Stunde schneller nach Mainz - die neue Autobahn 63 macht es möglich - just am 15.10.2004 eingeweiht. Kein Wunder, dass da heute niemand an die Bachbahn dachte. Wann dürfen wir die Regionalexpresslinie aus der Westpfalz in Richtung Mainz einweihen?
Im Januar 1985 war die Stillegung der Bachbahn kein Thema, fast täglich fuhr der Güterzug bis Reichenbach. An einer Feldwegbrückeim Wald zwischen Weilerbach und Schwedelbach konnte die Lz fotografiert werden - heute gibt es hier nur noch Zweiradverkehr.
Buchfahrplan aus dem Jahr 1992. Einer der letzten Personenzüge auf der Bachbahn: Der Abbau der Bachbahn zwischen Reichenbach und Weilerbach stellte den Zustand zwischen 1914 und 1920 wieder her und machte den Weg frei für den beliebten Radwanderweg. Dessen Einweihung lies sich die Verbandsgemeinde etwas kosten und bestellte einen Sondertriebwagen. Am 16. Mai 1993 erreicht cder damals fast nagelneue 628 464 den Bahnhof Weilerbach.
Mehrmals pendelte ein Sondertriebwagen am 16. Mai 1993 zwischen Weilerbach und Otterbach, aufgenommen bei Erfenbach. Hier soll eigentlich der neue Haltepunkt für Rodenbach entstehen - 2 Fußminuten von der Dorfmitte entfernt. Am 16. Mai 1993 dachte kaum jemand an Citybahn und Reaktivierung, der Sonderverkehr war Sensation genug.
Viel Betrieb in Weilerbach: Die neue Verladeanlage für Getreide sorgte Ende 80er für volle Gleise. Den nötigen Bahnhofsverschub besorgte ein alter Traktor.
Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre organisierten Otterbacher Eisenbahner einen Sonderzug auf der Bachbahn. Im Sommer 1980 bestand der Sonderzug aus einer 218 des Bw Kaiserslautern und dem Wagenpark "Deutsche Weinstraße" und erreichte von Reichenbach kommend den Bahnhof in Weilerbach. Weil schon viele Jahre kein Personenzug mehr in Reichenbach war, mußte man die Reisebürozüge eines Kaiserslauterer Bahnfreundes sorgfältig vorbereiten. Mit einer Profilmeßfahrt war im Juli 1987 das "Buttermarinchen" der Bahnmeisterei unterwegs. Bei Reichenbach gab es nicht nur einen schönen Blick auf den Potzberg, sondern auch frische Erdbeeren für das Zugpersonal. Sie versüssten dem Köfbediener die Wartezeit auf den Fotografen.
Ein typischer Bachbahngüterzug. Am 21. August 1986 war eine Kaiserslauterer 211 mit Üg 67165 bei Erfenbach auf der Rückfahrt nach Otterbach unterwegs.
Auch auf der Bachbahn war der Unkrautvernichtungszug der letzte "Kunde". Die chemische Keule fährt gerade an Erfenbach vorbei - dort wo der Widerstand gegen die Reaktivierung am deutlichsten formuliert wird. Am 29. März 1993 war die damals einzige neurote Kaiserslauterer 212 für die Bachbahn eingeteilt. Im Endbahnhof Weilerbach umfährtdie Lok gerade die Güterwagen für die Rückfahrt.
Auf der Rückfahrt nach Kaiserslautern kommt die Übergabe am ehemaligen Haltepunkt Siegelbach vorbei. Heute ist der Blick auf den Eulenkopf durch ein neues Industriegebiet verschandelt.
Am 12.12.1986 waren eine Handvoll Wagen abzuholen, am Endbahnhof Reichenbach setzt die altrote 211 085 vom Bw Kaiserslautern um. Heute liegen hier keine Gleise mehr.

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