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Mittwoch, 13 November 2019 09:00

Bayern: Streckenreaktivierungen - Möchte Bayern jetzt rückwärts marschieren?

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"In Bayern gehen die Uhren anders ...", dieser geflügelte Spruch aus der Ära Franz-Josef Strauß scheint wieder einmal und auch in Zeiten der aktuellen Klimadiskussion bittere Aktualität zu erlangen: Im Freistaat schwelt schon seit längerer Zeit der Streit um das nach Auffassung von Reaktivierungsinitiativen und Oppositionspolitikern völlig unsinnige Festhalten der bayerischen Staatsregierung am sogenannten "1000er-Kriterium", also der Vorgabe, daß 1000 Fahrgäste pro Tag eine Strecke nutzen müssen, damit sie als reaktivierungswürdig eingestuft wird.

Diese Vorgabe erschwert im weiß-blauen Bundesland derzeit viele sinnvolle Projekte, oder macht sie gleich ganz unmöglich. Erst jüngst ist wieder eine Initiative der FDP im Bayerischen Landtag gescheitert, dieses starre Kriterium zumindest zu lockern und durch regionaltypische Parameter zu ersetzen.

Dies führte auch zu großer Sorge bei den Verantwortlichen des eigentlich parteiübergreifenden Bündnisses aus Vertretern des Fördervereines "GO-Vit", der "Wanderbahn im Regental" und Kreis- und Lokalpolitikern aus dem Landkreis Regen, die sich seit Jahren für den seit September 2016 bestehenden Probebetrieb der alten "Regentalbahn-Stammstrecke" Gotteszell - Viechtach (einst weiter bis Blaibach), die im Jahre 1991 ihren damals spärlichen SPNV verloren hatte, und dessen Überführung in eine dauerhafte SPNV Bestellung einsetzen.

Die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG), die im Auftrag des Freistaates den SPNV in Bayern plant und vergibt, möchte diesen Probebetrieb nach dessen Auslaufen im Jahre 2021 beenden und präferiert stattdessen eine verbesserte Busanbindung der wildromantischen Region um das Tal des schwarzen Regens, das nicht zu Unrecht "Bayerisch Kanada" genannt wird. Grund ist hier das voraussichtliche "Nicht-Erreichen" des 1000-Fahrgäste-Kriteriums bis zum Ende des Probebetriebes.

Bei genauerem Hinsehen, liegt der Teufel hier aber auch im Detail: Seit Viechtach wieder auf der Schiene erreichbar ist, liegt der Fremdenverkehr in Viechtach und der Region wieder spürbar im Aufwind und die Fahrgastzahlen auf der nun als Waldbahnlinie 4 bezeichneten Relation, die nun von früh morgens bis nach Mitternacht im Stundentakt bedient wird, haben sich mehr als verdoppelt, wenn nicht gar verdreifacht. Zudem ist das erschlossene Fahrgastpotential ein weitgehender Neuverkehr für den ÖPNV, da es hier vordem keine vergleichbar adäquate Busanbindung gab.

"Zu wenig ...", meinen das bayerische Verkehrsministerium und die BEG und beharren auf 1000 Fahrgästen am Tag.

"Können wir erreichen ...", meinen dagegen die verantwortlichen Regionalpolitiker um Landrätin Rita Röhrl, allerdings wäre dazu eine vollständige und ganzheitliche Ausrichtung des gesamten ÖPNV auf die Bahnlinie nötig.

Das mache aber erst Sinn , wenn durch eine langfristige Bestellung Planungssicherheit besteht. Ein kleiner Teufelskreis also ...

Auch würden etliche andere Bestandsstrecken im Bayerischen Wald und darüber hinaus in ganz Bayern genau dieses Schwellenkriterium auch nicht erfüllen und werden trotzdem betrieben. Egal, Bestand ist Bestand, meinte bislang die Staatsregierung dazu.

Am 11.11. gab es nun einen großen runden Tisch in Viechtach zur Zukunft der Bahnlinie, der von einer riesigen Menschenkette, die vom Viechtacher Bahnhof bis zum Stadtplatz reichte, flankiert wurde und die ein beindruckendes Statement der Bevölkerung für "ihre" Bahn darstellte.

Anwesend war auch der verkehrspolitische Sprecher der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag, Jürgen Baumgärtner, der sich nach Gesprächen hinter verschlossenen Türen vor die unzähligen Demonstranten und ein Fernsehteam der BR-Abendsschau stellte, ein Abrücken vom 1000er-Kriterium kategorisch ausschloss und in der Folge dann die "Bombe" platzen ließ: Er werde sich mit ganzer Kraft dafür einsetzen, dass dieses Kriterium auch auf allen Bestandsstecken in Bayern angewendet wird. Man werde genau prüfen auf welchen Relationen ein Busverkehr wirtschaftlicher ist als der Bahnbetrieb. Der Bus könne besser sein, als "heiße Luft" durch die Gegend zu fahren".

Dieses sogleich dann in der BR-Abendschau gesendete Statement ist bemerkenswert, galt es in der Regierungskoalition bislang als Konsens, die Bestandsstrecken unabhängig von den Fahrgastzahlen, nicht anzutasten.

Betrachtet man die Liste der Bahnlinien Bayerns, die weniger als 1000 Fahrgäste am Tag aufweisen und die in diesem Fall wieder zur Disposition stünden, wird man unweigerlich an die Verkehrspolitik der 70er und 80er Jahre erinnert.

Die meisten dieser Linien standen vor der Bahnreform bei der Deutschen Bundesbahn schon auf der "Abschussliste", zum Beispiel seien exemplarisch herausgegriffen: Ebersberg -Wasserburg, Traunstein -Waging, Traunstein - Garching, Kempten - Pfronten - Steinach, Garmisch P. - Ehrwald, Fischhausen Neuhaus - Bayerischzell, Zwiesel - Grafenau und Bodenmais, Zwiesel - Bayerisch-Eisenstein, Günzburg - Mindelheim, Langenzenn - Markt Erlbach, aber auch Hauptbahnen wie Kirchenlaibach -Weiden, die alte Nord-Süd Strecke im bayerischen Abschnitt Gemünden - Jossa oder auch die für den überregionalen Ausbau (!) vorgesehene "bayerische Tauernbahn" (Mühldorf -) Garching - Freilassing.

Aber auch schon reaktivierte Abschnitte wie Waldkraiburg - Wasserburg, Altenstadt (Waldnaab) - Neustadt(Waldnaab ) oder Hörpolding - Traunreut gehören dazu. Die ganze Liste kann online als Landtagsdrucksache abgerufen werden.

Man darf also gespannt sein, wie sich die Regierung unter Ministerpräsident Söder (CSU), der ja derzeit in der Umwelt-und Klimapolitik den "besseren Grünen" mimt, sich weiter zu diesen Aussagen ihres verkehrspolitischen Sprechers positionieren wird ... ?

Bilder

An ihr entzündete sich die aktuelle Debatte: Die Bahnlinie Gotteszell - Viechtach, einst Stammstrecke der alten Regentalbahn AG, die von 1991 bis September 2016 nur von Güterzügen und der saisonalen "Wanderbahn" befahren wurde, ist eine der schönsten Bahnstrecken Deutschlands und zu jeder Jahreszeit erfahrenswert. Sie befindet sich seit gut zwei Jahren im "Probebetrieb". Diesen möchte die bayerische Staatsregierung jedoch auslaufen lassen.

Alexander Bauer

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Letzte Änderung am Mittwoch, 13 November 2019 09:49