english

Montag, 10 Februar 2020 14:26

Baden-Württemberg: VCD zur Bahnpolitik in Baden-Württemberg 

Seit Sommer 2019 gibt es im Schienenpersonennahverkehr (SPNV) in Baden-Württemberg auf den meisten Strecken mit neuen Betreibern große Probleme und viele Beschwerden der betroffenen Fahrgäste. Zugausfälle, zu geringe Kapazitäten und Verspätungen sind auf der Residenz-, der Franken-, Filstalbahn sowie der Breisgau-S-Bahn seit Wochen, teilweise Monate tägliches Erlebnis der Pendler, stellt Matthias Lieb, Landesvorsitzender des ökologischen Verkehrsclub VCD fest.

Es stellt sich die Frage, wie dies geschehen konnte, war doch erklärtes Ziel der Landesregierung und des Verkehrsministers, mit neuen Zügen und mehr Verbindungen die Menschen zum Umsteigen auf Bus und Bahn zu bewegen, so der VCD.

Verständlich sei, dass im Landtag in erster Linie der Verkehrsminister politisch verantwortlich gemacht werde, doch was sind Versäumnisse dieser Regierung und was ist von anderer Seite zu vertreten, fragt sich der VCD. Tatsächlich wurde in den letzten rund 80 Jahren Verkehrspolitik überwiegend Politik für das Auto gemacht, die Bahn kam weitgehend „unter die Räder“ und wurde klein- und kaputtgespart. Verkehrsminister Hermann habe mit seiner bahnfreundlichen Politik wie der Einführung des BW-Tarifs, der Initiative für Streckenreaktivierungen und auch dem Metropol-Express-Konzept rund um Stuttgart wichtige und richtige Entscheidungen getroffen.  Doch bei der Umsetzung des Konzeptes gab und gibt es Probleme.

„Andere Bundesländer und die dortigen Fahrgäste haben die jetzigen Erfahrungen mit Betriebsübernahmen durch neue Betreiber mit neuen Fahrzeugen schon vor Jahren gemacht, auch dort hat es oft monatelang ähnliche Probleme gegeben“, stellt Matthias Lieb fest. In Baden-Württemberg habe aus Sicht des VCD zur verdeckten Finanzierung von Stuttgart 21 die frühere schwarz-gelbe Landesregierung jedoch jahrelang den Wettbewerb ausgebremst, in dem zu überhöhten Preisen eine Direktvergabe an DB Regio erfolgte. Somit wurden im großen Stil erst ab 2011 wettbewerbliche Verfahren vorbereitet, die seit 2018 in die Umsetzung kämen.

Betrachte man die letzten Betriebsaufnahmen, so zeige sich, dass die Übernahme der Strecke Aalen - Ulm durch die landeseigene SWEG geräuschlos erfolgte und diese Linie ganz oben auf der Pünktlichkeitsstatistik stehe, so der VCD. Dort erfolgte die Auslieferung der Fahrzeuge auch pünktlich. Erfolgreich laufe ebenfalls das Netz Gäu-Murr, das DB Regio gewonnen habe.

Problematisch seien aus Sicht des VCD die großen Neuvergaben seit Juni 2019: 

Die neuen Betreiber Abellio und Go-Ahead hätten Neufahrzeuge bei Bombardier bzw. Stadler bestellt, diese jedoch nicht rechtzeitig, dafür mit vielen Mängeln erhalten. Diese Fahrzeugmängel führten zu Zugausfällen und Verspätungen (Türstörungen), was wiederum die Fahrgäste verärgere, die ihren Unmut das Fahrpersonal spüren ließen. Bei ohnehin angespannter Personallage sei es dann kein Wunder, wenn die Motivation des Personals sinke und sich Zugbegleiter und Triebfahrzeugführer krank melden würden - was dann zu noch mehr Zugausfällen führe, beschreibt Lieb diesen Teufelskreis. Rund um Stuttgart kämen noch die Probleme durch den Bau von Stuttgart 21 erschwerend hinzu, so der VCD. Im Breisgau sei ein dichter Fahrplan auf eingleisigen Strecken ohne Reserven der Hauptgrund für die Probleme, dort sei weiterhin DB Regio unterwegs.

Der VCD hat den Eindruck, dass den neuen Unternehmen noch die entsprechende Erfahrung und das Verständnis fehle, die richtige Disposition zu treffen, welcher Zug unbedingt und mit voller Kapazität gefahren werden müsse, um die Pendler ans Ziel zu bringen. „Große Defizite bestehen weiterhin bei der Kommunikation von kleinen und größeren Störungen“, beklagt Matthias Lieb. Hier müssen die Leitzentralen der neuen Betreiber mit entsprechendem Personal aufgestockt werden, fordert der VCD.

Auch das Verkehrsministerium und die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg (NVBW) nimmt der VCD in die Pflicht. Matthias Lieb: „Gleichzeitig Betreiber, Fahrzeuge und Fahrpläne zu ändern, überfordert alle Beteiligte. Hier sollte zugunsten von mehr Stabilität mehr Zeit für die Umsetzung neuer Konzepte eingeräumt werden, auch wenn die Politik natürlich gerne rasche Erfolge sehen möchte“. Zur Vermeidung von Fahrplanpannen gehört aus Sicht des VCD auch die frühzeitige Einbeziehung der Interessen von Fahrgästen durch rechtzeitige Veröffentlichung der Fahrplanentwürfe, damit ihre Belange berücksichtigt werden könnten.

Aus Sicht des VCD zeigten die Probleme im Bahnverkehr, die in ähnlicher Weise auch in anderen Bundesländern und im Fernverkehr auftreten würden, dass mit der Bahnreform vor 25 Jahren eine Zersplitterung der Zuständigkeiten einhergegangen sei, die einer raschen Problemlösung im Wege stehe, da unterschiedliche (finanzielle) Interessen und vertragliche Regelungen nicht notwendigerweise zum für den Fahrgast besten Angebot führen würden. Die auf Bundesebene inzwischen angestoßene Diskussion über eine Neuausrichtung der Organisation des Bahnverkehrs in Deutschland ist deshalb aus VCD-Sicht dringend geboten. Es sollten die Verantwortung für das Schienennetz und die Bahnhöfe regionalisiert und die Zuständigkeiten gebündelt werden.

Pressemeldung 

Verkehrsclub Deutschland (VCD) Landesverband Baden-Württemberg e.V.

Zurück