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Donnerstag, 06 August 2020 12:38

Thüringen: Fahrgastverbände unzufrieden mit Deutschlandtakt

Zu dem kürzlich vom Bund vorgestellten dritten Gutachterentwurf des Deutschlandtakts (D-Takt) erklären der Fahrgastverband PRO BAHN Thüringen, der VCD Landesverband Elbe-Saale und der Fahrgastbeirat Ostthüringen: „Im Fernverkehr sind Weimar und Ostthüringen besonders negativ betroffen, die mit einer bzw. zwei regionalen Fernverkehrslinien wieder Anschluss an das Fernverkehrsnetz erhalten sollten. Für uns ist nicht hinnehmbar, dass beide Linien als ‚unwirtschaftlich‘ bezeichnet und erheblich abgewertet werden.

Die Wirtschaftsregion Jena - Saalfeld - Rudolstadt verliert gegenüber den bisherigen Entwürfen des D-Takts den wichtigen Anschluss an die Bundeshauptstadt Berlin, die Städte Weimar, Jena und Gera verlieren die Direktanbindung an Dresden. Die verbleibenden Verbindungen nach Chemnitz, Bayern und ins Ruhrgebiet sind unattraktiv langsam und verpassen relevante Anschlüsse in Fernverkehrsknoten. Die Linie ins Ruhrgebiet soll zudem überhaupt nur dann durch Ostthüringen verkehren, wenn dafür der wichtige und stark nachgefragte Thüringer Regionalexpress 1 von Glauchau bzw. Chemnitz nach Göttingen im Abschnitt östlich von Erfurt eingestellt wird. Damit steht Thüringen bei der Angebotsgestaltung auf der Mitte-Deutschland-Verbindung vor der Wahl zwischen Pest und Cholera.

Im Nahverkehr entspricht das geplante Angebot - abgesehen von einem dichteren Takt zwischen Erfurt und Göttingen, Gera und Hof sowie den Lückenschlüssen auf der Werra- und der Höllentalbahn - im Wesentlichen dem Status quo. Sehr kurz fällt dann auch die Liste der aus dem Deutschland-Takt abgeleiteten Infrastrukturmaßnahmen für Thüringen aus; vorgesehen sind lediglich geringe Fahrzeitbeschleunigungen auf zwei Hauptstrecken und ein kurzer zweigleisiger Ausbau einer Nebenstrecke an der Grenze zu Bayern.

Der Leitgedanke für den Deutschland-Takt - erst der Fahrplan, dann die Infrastruktur - ist richtig. Aber so, wie er jetzt geplant ist, verfehlt er für Thüringen seine Ziele. Einfacher, bequemer und schneller ans Ziel - das gilt mit dem dritten Gutachterentwurf für große Teile Thüringens nicht. Zwei der drei Thüringer Oberzentren und Weimar bleiben ohne adäquaten Fernverkehr, womit der Bund die Ziele der Raumordnung und Landesplanung in grober Weise missachtet. Im Nahverkehr lässt der Entwurf jeglichen Gestaltungsanspruch vermissen; der Status quo kann aber nicht ernsthaft die Perspektive für Thüringen im Jahr 2030+ sein. Das Fehlen ambitionierter fahrplanerischer Ziele führt zudem dazu, dass auch kein Ausbau der Infrastruktur abgeleitet wird - so entsteht ein Teufelskreis, der den vielerorts schlechten Status quo zementiert.

Wir fordern daher, dass die Bundesregierung die Verschlechterungen im dritten Gutachterentwurf für Thüringen zurücknimmt und endlich die Rahmenbedingungen für den Fernverkehr in den Regionen klärt. Das bestehende Marktmodell („Eigenwirtschaftlichkeit“ des Schienenpersonenfernverkehrs) hat dazu geführt, dass viele Städte und Regionen Deutschlands vom Schienenpersonenfernverkehr abgehängt wurden. Es muss reformiert werden, sonst wird das Versprechen eines flächendeckenden Fernverkehrsnetzes zur Anbindung aller Großstädte zur Farce. Dass der Bund beim Deutschland-Takt zudem auch noch unverändert mit der überholten Verkehrsprognose aus dem Bundesverkehrswegeplan 2030 operiert, steht im krassen Widerspruch zum selbstgesteckten Ziel der Verdoppelung der Fahrgastzahlen im Schienenverkehr innerhalb von 10 Jahren. Es muss umgehend eine Verkehrsprognose hinterlegt werden, die diese Zielstellung beinhaltet.

Die Landesregierung muss ihre passive Haltung überwinden und den politischen Gestaltungsanspruch im Nahverkehr endlich wahrnehmen. Dazu muss das Land - ausgehend von den im Landesentwicklungsplan vorgesehenen verkehrlichen Bedienungsstandards - ein in den Deutschland-Takt integriertes, mutiges Zielkonzept eines landesweiten integralen Taktfahrplanes für alle öffentlichen Verkehrsträger entwickeln.

Es ist an der Zeit, dass Thüringen den Deutschland-Takt als wichtige Entwicklungschance begreift und sich aktiv einbringt. Für diese Aufgabe stehen die Verbände gerne mitgestaltend zur Verfügung.“

Die Verschlechterungen des dritten Gutachterentwurfs im Überblick

Fernverkehrslinie FR 16.a Karlsruhe - Leipzig (bisher FR 3):

• fährt nur noch bis Leipzig (1. Entwurf: Rostock, 2. Entwurf: Berlin)
• verpasst in Nürnberg sämtliche relevante FV-Anschlüsse um wenige Minuten
• bietet im gesamten Verlauf in Thüringen und Sachsen-Anhalt kaum Anschlüsse vom und zum Nahverkehr

Fernverkehrslinie FR 36.a Aachen - Chemnitz (bisher FR 36)

• Stundentakt nur noch von Aachen bis Eisenach, danach nur 2-stündlich (1. Entwurf: bis Weimar, 2. Entwurf: bis Erfurt).
• fährt nur noch bis Chemnitz (1. und 2. Entwurf: bis Dresden)
• keine Anschlüsse in Chemnitz und Jena
• 13 bzw. 14 Minuten Standzeit in Erfurt und Eisenach
• fährt nur, wenn dafür der RE1 zwischen Erfurt und Glauchau (- Chemnitz/Zwickau) eingestellt wird

Pressemeldung Fahrgastverband PRO BAHN

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