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Montag, 04 Dezember 2017 08:25

Brandenburg: Stellungnahme von Pro Bahn zum Entwurf des Landesnahverkehrsplan

Das Land Brandenburg hat sich in den letzten Jahren zu einem Land der Pendler entwickelt. Fast jeder dritte Bewohner fährt zum Arbeiten in ein anderes Bundesland. Die Zahl der Menschen, die hierfür die Bahn nutzen, ist rasant gewachsen. Allein zwischen 2013 und 2016 stieg die Fahrgastzahl im Regionalverkehr der Region Berlin-Brandenburg von täglich 195.000 auf 230.000. Aus Sicht des Fahrgastverbands PRO BAHN Berlin-Brandenburg trägt der jüngst veröffentlichte Landesnahverkehrsplan (LNVP) dieser dynamischen Entwicklung nicht ausreichend Rechnung.

Zwar wird in der Einleitung die Notwendigkeit eines qualitativ hochwertigen Angebots im Schienenpersonennahverkehr (SPNV) hervorgehoben, die entsprechenden Schlussfolgerungen werden jedoch nicht gezogen. Statt eine zukunftsfeste Vision für den brandenburgischen SPNV und seine Nutzer zu entwerfen und ein vorausschauendes Zugangebot bereitzustellen, reagiert der Plan in weiten Teilen nur auf die offenkundigsten Defizite und läuft dem veränderten Mobilitätsverhalten der Bevölkerung hinterher.

Auf den Hauptachsen reicht bereits jetzt die Anzahl der Züge und der darin vorhandene Platz nicht mehr aus. In der Hauptverkehrszeit müssen Reisende stehen oder gar auf den Bahnhöfen zurückgelassen werden, wie PRO BAHN aus zahlreichen Beschwerdebriefen weiß. Überfüllte Züge sind nicht nur eine Zumutung für Fahrgäste und Zugpersonal, sie verursachen auch Verspätungen durch verzögertes Ein- und Aussteigen.

Es genügt nicht, wenn der LNVP hierzu lediglich ankündigt, nun endlich lange versäumte Verhandlungen mit den Eisenbahnverkehrsunternehmen über zusätzliche Züge und Sitzplätze nachzuholen. Nach Ansicht von PRO BAHN hätten diese Verhandlungen im Vorfeld geführt und die Ergebnisse im LNVP präsentiert werden müssen. Zudem fehlt eine langfristige Perspektive, die die für die 2020er Jahre zu erwartende Nachfrage berücksichtigt. Wir rufen die Verfasser des LNVP diesbezüglich zu mehr gestalterischem Ehrgeiz auf!

Reisende im SPNV erwarten in der Regel nicht viel mehr als einen Sitzplatz in einem pünktlichen Zug – bereits heute wird dieser Mindeststandard im Berufsverkehr oft verfehlt. Digitale Spielereien wie Auslastungsanzeigen an den Zügen beheben diese Missstände nicht, zumal auf Unterwegs-Bahnhöfen keine Zeit bleibt, außen am Zug entlangzulaufen. Es ist nicht akzeptabel, dass erst das für 2022 vorgesehene Angebot den aktuellen Sitzplatzbedarf zu decken verspricht! Man muss kein Prophet sein, um hier zukünftige Engpässe jetzt schon vorauszusehen. Bestehende Defizite im Zugangebot dürfen nicht auf Jahre hinaus festgeschrieben werden!

Besonders deutlich wird dies auf der wichtigen Achse des RE 1. Auf dem Westteil der Linie bleibt die Planung für 2030 bei den angebotenen Zugzahlen pro Tag unter dem Stand von 1998! Auf der anderen Seite Berlins ist es die Ostbahn, die größere Aufmerksamkeit, sprich eine Angebotsausweitung, im LNVP verdient hätte. Im Norden Berlins muss der Prignitz-Express endlich auf möglichst direktem Weg in die Berliner Innenstadt geführt werden!

PRO BAHN begrüßt die Abkehr von der Politik der Streckenstilllegungen im Land Brandenburg. Hunderte Streckenkilometer sind dieser Politik seit den 1990er Jahren zum Opfer gefallen. Deshalb wäre es aus unserer Sicht angemessen, im LNVP die mögliche Reaktivierung ausgewählter Strecken zumindest anzusprechen und sich Gedanken über potenzielle „Kandidaten“ zu machen. Auch auf diesem Feld wirkt der LNVP auffallend ideen- und perspektivlos.

Landesregierung und Verkehrsministerium sollten endlich mehr für diejenigen Menschen tun, die täglich weite Strecken umweltfreundlich mit der Bahn fahren, um auswärts das Geld verdienen, das sie dann in Brandenburg ausgeben und versteuern.
Zu diesem Zweck sollte das Land die für den SPNV vorgesehenen Regionalisierungsmittel des Bundes auch vollständig in den SPNV investieren – und nicht länger in Teilen für andere Zwecke einsetzen.

PRO BAHN fordert das Ministerium auf, den Entwurf des LNVP umzuarbeiten und eine mutigere und langfristig angelegte SPNV-Planung zu entwickeln, die mindestens bis zum Ende der 2020er Jahre reicht. Zuletzt gab es solche Planungen Anfang der 1990er Jahre – für das inzwischen schon weit zurückliegende Jahr 2000!

Pressemeldung PRO BAHN Berlin-Brandenburg e.V.

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