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Montag, 30 August 2021 10:30

Hamburg: Prellbock Altona zur Liste der 181 Projekte, die in den vordringlichen Bedarf aufgerückt sind

Prinzipiell ist zu begrüßen, wenn mehr Mittel für den Ausbau des Schienenwegenetzes zur Verfügung gestellt werden. „Mehr Geld für die Schiene – weniger für die Autobahn.“ Dabei müssen die Investitionen aber nach folgenden Prioritäten geordnet werden:

• Was bringt den größten Nutzen für Fahrgäste?
• Was bringt am schnellsten Verbesserungen für Fahrgäste?
• Was ist unter Klimaschutz-Aspekten vordringlich und sinnvoll?

Betrachten wir die Hamburg-Projekte, werden sinnvolle Maßnahmen für insgesamt rund 70 Mio. Euro auf- gezählt, z. B.
• ein zusätzliches Bahnsteig-Gleis am Hauptbahnhof
• eine Zweigleisigkeit der Bahnstrecke nach Berlin zwischen Ankelmannplatz und Rothenburgsort
• zusätzliche Weichen am Hauptbahnhof und die Elektrifizierung einer Ausweichstrecke an der Abstellanlage Högerdamm

In der Liste der 181 Projekte stechen zwei Mega-Projekte hervor, die die genannten Kriterien nicht erfüllen und die weder Fahrgäste noch Steuerzahler brauchen:
• eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke (HGV) von Hamburg nach Hannover für 300 km/h entlang der A7 für 3,5 Milliarden Euro
• die Untertunnelung der ganzen Stadt vom Hauptbahnhof bis nach Altona (sog. Verbindungsbahnentlastungs- oder Ferlemanntunnel) für 3 Milliarden Euro

Hier unsere Kritikpunkte:

Die Realisierung dieser beiden Projekte dauert mindestens 15–20 Jahre. Sie bringt für Fahrgäste nur einen Fahrtzeitgewinn im Minutenbereich, der allerdings bei einem verpassten Anschlusszug gleich wieder verloren geht. Beide Projekte erfordern einen massiven Einsatz von Beton, schaden damit dem Klima und dienen nur der Bauindustrie. Die Deutsche Bahn hat für die 3,5 Milliarden Hochgeschwindigkeitsstrecke von Ham- burg nach Hannover keine geeigneten Züge – mal ganz abgesehen davon, dass Züge bei mehr als 200 Stundenkilometern massiv mehr Energie verbrauchen. Das verträgt sich nicht mit Klimaschutz.

Dieses Projekt dient nicht der Verkehrserschließung in der Fläche, sondern beschleunigt nur die Verbindung zwis- chen zwei Metropolen; Städte wie Lüneburg, Uelzen und Celle werden durch ein solches Vorhaben vom hoch- wertigen Fernverkehr abgehängt. Dabei ist gerade ein viergleisiger Ausbau der Bahnstrecke zwischen Maschen und Hannover notwendig. Dazu wurde mit den Bürgerinitiativen und den Gemeinden entlang der Bestandsstrecke nach jahrelanger Diskussion ein Kompromiss gefunden (Ausbauvariante Alpha-E). Dieser wird mit dem geplanten Großprojekt aufgekündigt! Das ist ein politischer Skandal erster Güte!

Der Ferlemanntunnel verwandelt das Zentrum Hamburgs für zehn und mehr Jahre in eine gigantische Großbaustelle. Er schneidet dicht bevölkerte Quartiere wie das Schanzenviertel, das neue Holstenviertel sowie die Neue Mitte Altona vom S-Bahnverkehr ab, weil die gerade aufwendig sanierten S-Bahnstationen Sternschanze und Holstenstraße geschlossen werden. Stattdessen zwingt man die S-Bahnfahrgäste in tiefe Tunnel mit langen Zugangswegen.

Viel sinnvoller wäre für S-Bahnfahrgäste eine westliche 2. Schienen-Elbquerung parallel zur A7. Dies brächte zum einen eine Fahrtzeitverkürzung von Altona nach Harburg von 15 Minuten und wäre zum andereneine Ausweichmöglichkeit bei Störfällen auf den jetzigen Eisenbahn-Elbbrücken. Eine solche 2. Schienen-Elbquerung könnte ohne Beeinträchtigung des Oberflächenverkehrs in Hamburg gebaut werden. Bereits seit Ende 2019 exist- ieren für diese 2. Elbquerung sehr umfassende Planungs-Ideen.

Weiterhin umfasst die neue Projektliste unter harmlos klingenden Namen zwei Vorhaben („Umbau der S-Bahn- strecke auf der Verbindungsbahn“ und „Überwerfungsbauwerk zwischen Dammtor und Altona“) mit Investitionskosten von knapp 500 Mio. Euro. Diese Projekte beinhalten de facto einen Komplettumbau des bei Baubeginn des Ferlemanntunnels gerade fertiggestellten Bahnhofs Diebsteich (soweit die jetzigen Planungen realisiert werden sollten). Mit anderen Worten: Wenn der Ferlemanntunnel kommt, muss Diebsteich gleich wieder komplett umgeplant werden. Damit würden die schlimmsten Befürchtungen von Prellbock wahr. Prellbock hat schon vor anderthalb Jahren auf dieses Problem hingewiesen.

Das Nachsehen hat, wie bei allen Rationalisierungsmaßnahmen bei der DB, der Bahnreisende, da helfen auch keine digitalen Warn-Apps, mit denen Fahrgäste schon heute im Fall von Störfällen geradezu im Fünf-Minuten-Takt überschüttet werden.

Dazu Michael Jung, Sprecher der Bürgerinitiative Prellbock Altona e. V.: "Angesichts der Fülle komplett ungelöster Probleme ist folgendes unabdingbar:
⦁ Sofortiger Baustopp für Diebsteich.
⦁ Einrichtung eines runden Tisches unter Beteiligung der Hamburger-Verkehrsinitiativen, um einen Masterplan Schienenverkehr in der Metropolregion Hamburg zu erstellen. Dazu müssen ohne Einschränkungen alle geplanten und/oder am Bauanfang befindlichen Schienenverkehrsprojekte (S4, S32, S21, U4-Verlängerung nach Harburg, U5, Wiedereinführung der Straßenbahn, Reaktivierung von Bahnstrecken, 2. Schienen-Elb- querung, Ferlemanntunnel) unter der Aspekten Klimaschutz, Fahrgastnutzen, verkehrlicher Nutzen – Verknüpfung der Netze/Schnittstellen sowie Kosten analysiert und einer vergleichenden Bewertung unterzogen werden."

Pressemeldung Bürgerinitiative Prellbock Altona e.V.

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Letzte Änderung am Montag, 30 August 2021 11:15