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Montag, 07 August 2017 09:20

Baden-Württemberg/Bayern: Straßenbahn Ulm - vom Aschenputtel zum Vorzeigebetrieb

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Der Regelbetrieb der Straßenbahn Ulm wird von den 10 Cominos 41-50 bestritten. 2008 erwarben die SWU von der VAG Freiburg im Breisgau die GT 8 208 und 209 (Bj. 1981) und bauten in eigener Werkstätte aus den beiden Einrichtungswagen einen Zweirichtungswagen der als multifunktionaler Arbeitstriebwagen 17 dient.

Wie viele Kleinstätte erhielt auch Ulm gemeinsam mit der bayerischen Nachbarstadt Neu-Ulm 1897 - also vor 120 Jahren - eine meterspurige, elektrische Straßenbahn. Das Netz wurde bis Ende der 1920er Jahre ausgebaut - der Niedergang begann aber bereits 1939 als die erste Strecke bereits wieder eingestellt wurde. Nach den Zerstörungen des 2. Weltkriegs entstand als Ergänzung zur Straßenbahn ein Obusnetz welches von 1947-1963 Bestand hatte. Auch das Schienennetz wurde ausgebaut und modernisiert ehe aus "beschäftigungspolitischen Gründen" (in Ulm befanden sich die Autobushersteller Magirus und Kässbohrer !!!) 1964 nicht nur der Obus, sondern auch die Straßenbahn bis auf die Hauptlinie 1 eingestellt wurde.

 

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Die Werkstätten wurden in den letzten Jahren neu gebaut und sind bestens für die Netzerweiterung gerüstet - hier mit Tw 48. Tw 47 dient mit seinen zusätzlichen Sensor-Einrichtungen als Versuchsträger für autonomen Betrieb und als Unterstützung für den Triebwagenführer - fotografiert in der Schleife Donaustadion

Die verbliebene Streckenlänge betrug noch 5,5 km und es schien nur eine Frage der Zeit ehe auch diese Strecke eingestellt würde. Den Verantwortlichen gelang es aber immer wieder mit geschickten Gebrauchtkäufen aus der Landeshauptstadt Stuttgart, die Straßenbahn über Wasser zu halten. Initiativen aus der Bevölkerung taten ein Übriges, um das beliebte Verkehrsmittel in das neue Jahrhundert herüber zu retten.

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Das Überleben der Straßenbahn Ulm ist nicht zuletzt den zehn im Jahr 1958 von der MF Esslingen gelieferten Großraumtriebwagen zu verdanken. Tw 1 blieb als historisches Fahrzeug in seiner Heimatstadt erhalten. Übrigens lieferte die MF Esslingen lediglich 15 vierachsige Großraumtriebwagen -  davon haben bis heute 4 Stück in Ulm, Stuttgart, bei der Rittnerbahn und in Amsterdam überlebt.

Mit einer Neubaustrecke von Sölfingen nach Böfingen wurde das Streckennetz auf 10,2 km nahezu verdoppelt und die Geschichte der Ulmer Straßenbahn wandelte sich zu einer Erfolgsgeschichte. Aktuell ist eine zweite Linie in Bau, die mit 9,3 km das Netz auf knapp unter 20 km erweitern wird. Diese wird ab 2018 von der Wissenschaftsstadt auf den Kuhberg führen.

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Entlang der Neubaustrecke 2 laufen die Bauarbeiten auf Hochtouren.

Der Regelbetrieb wird aktuell ausschließlich von 10 Combinos aus den Baujahren 2003 bzw. 2008 abgewickelt. Diese Flotte wird noch 2017/18 um 12 Fahrzeuge der Combino Nachfolge Type Avenio M - auch aus dem Hause Siemens - ergänzt.

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107 Jahre hat der Tw 16 (Lindner 1910) schon auf dem Buckel; nach seiner Kariere im Personenverkehr überlebte er als Rangiertriebwagen und wurde zum ersten Nostalgietriebwagen der SWU, hier neben Combino Tw 42 in der Endschleife der Neubaustrecke Böfingen und vor der Kulisse passender Häuser aus der Gründerzeit an der Blücherstraße. Rechtzeitig vor der Eröffnung der Neubaustrecke 2 sollte der Triebwagen 13 fertig sein, gebaut bei MAN im Jahr 1906 und damit Ulms ältestes Straßenbahnfahrzeug. Knapp vor der Fertigstellung steht ein neues Schmuckstück in der historischen Flotte der Ulmer Straßenbahn. Von 1965 bis 1977 verkehrten hinter den Großraumtriebwagen 1- 10 bis zu zwei Beiwagen der Stuttgarter Type 81.4 mit dem Baujahr 1953. Leider wurden alle 15 Beiwagen in Ulm verschrottet, aber 2011 konnte ein typengleicher Ersatz im Deutschen Straßenbahnmuseum Wehmingen gefunden werden. Es handelt sich dabei um den früheren Stuttgarter Beiwagen 1330 welcher künftig wieder unter der Ulmer Betriebsnummer 65 hinter dem Triebwagen 1 verkehren wird. Hinter dem Bw 65 steht der HTw 10 - ein GT 4 aus Stuttgart.

Die Stadtwerke Ulm (SWU) haben aber auch ein großes Herz für die Betriebsgeschichte. Immerhin umfasst die Flotte der historischen Straßenbahnen fünf Wagen und kann natürlich auch jederzeit für Sonderfahrten gemietet werden. Hätten doch nur andere vergleichbare Städte von Kiel bis Regensburg und von Flensburg bis Pforzheim eine ähnliche Entwicklung genommen - ein zukunftsweisendes Verkehrssystem würde die Stadtentwicklung nachhaltig fördern.

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Letzte Änderung am Montag, 07 August 2017 09:55