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Dienstag, 03 April 2018 08:57

Niedersachsen: Mehr Zugausfälle durch Stürme und Baustellen im Jahr 2017

Herbststürme und Baustellen haben die Bahnunternehmen 2017 vor erhebliche betriebliche Herausforderungen und die Fahrgäste auf eine häufig lange Geduldsprobe gestellt. Rund 1.134.000 Zugkilometer bzw. 2,6 Prozent aller Regionalverkehre fielen zwischen Harz und Nordsee aus. Das waren rd. 288.000 Zug-Km mehr als im Jahr zuvor. Leicht verbessert hat sich die Pünktlichkeit, 92,2 Prozent (+ 0,5 Prozent) aller Nahverkehrszüge erreichten 2017 pünktlich ihr Ziel. Das teilte die für die Bestellung und Finanzierung des Schienenpersonennahverkehrs verantwortliche Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) am Dienstag in Hannover mit.

„Die Eisenbahnunternehmen in Niedersachsen arbeiten sehr engagiert an einer höheren Pünktlichkeit und mehr Qualität“ lobt Carmen Schwabl, neue Sprecherin der LNVG-Geschäftsführung. Die Ursachen für Verspätungen und Ausfälle lägen jedoch häufig nicht in der Einflusssphäre der Bahnunternehmen. „Wo in der Vergangenheit zu wenig ins Netz, vor allem in Strecken und Brücken investiert worden ist, haben es die Betreiber schwer, ihren Fahrgästen verlässliche Mobilität anzubieten. Das gleiche gilt für versäumte Investitionen in die Digitalisierung, etwa eine leistungsfähige Telematik-Infrastruktur oder schnelle Informationssysteme für die Reisenden“, nennt die LNVG-Chefin zwei Beispiele. Weitere Gründe für Verspätungen und Ausfälle sind u.a. witterungsbedingte Einflüsse, vorfahrtberechtigte Fernverkehrszüge, technische Störungen an Fahrzeugen, an Bahnübergängen oder der Signaltechnik.

Am zuverlässigsten aus Sicht der Pendler präsentierten sich 2017 die Zugverbindungen in Südost- Niedersachsen. Im Dreieck Braunschweig – Salzgitter – Göttingen belegte die DB Regio AG in ihrem Dieselnetz mit einer Pünktlichkeit von 96,5 Prozent erneut den Spitzenrang, dicht gefolgt von der Eisenbahnen und Verkehrsbetriebe Elbe Weser GmbH (evb). Die in Zeven ansässige evb brachte die Reisenden auf den Strecken Cuxhaven – Bremerhaven und Buxtehude – Bremerhaven zu 96,4 Prozent pünktlich ans Ziel. Auf Rang 3 fährt die in Bielefeld beheimatete Westfalenbahn GmbH, deren Fahrgäste sich auf der Mittellandlinie zwischen Rheine/Bielefeld, Hannover und Braunschweig über 94,4 Prozent Pünktlichkeit am Bahnsteig freuen durften. Alle drei Betreiber konnten ihre Bilanz gegenüber 2016 noch einmal steigern und übertrafen die mit der LNVG vertraglich vereinbarten Zielwerte.

Anders stellt sich die Situation für Pendler zwischen Uelzen, Hannover und Göttingen dar. Dort muss sich der metronom mit dem IC und ICE ein und dieselbe Trasse teilen, eine Reihe von Baustellen wie auch technische Störungen an den Doppelstockzügen machten dem Betreiber 2017 zusätzlich zu schaffen. Die in Uelzen beheimatete metronom GmbH fuhr deshalb nur zu 89,1 Prozent pünktlich in die Stationen ein. Damit verbesserte sich die Bilanz im Vergleich zum Vorjahr zwar um 1,6 Prozentpunkte, das Unternehmen blieb aber unter den vertraglich vereinbarten Zielwerten.

Merklich verschlechtert hat sich die Pünktlichkeit im Heidekreuz. Technische Störungen an Bahnübergängen, Weichen oder Signalen wie auch die Herbststürme trugen 2017 dazu bei, dass die Fahrpläne der erixx GmbH gehörig durcheinander gewirbelt und die vertraglich vereinbarten Zielwerte unterschritten wurden. Auf den Relationen von Bremen nach Uelzen wie auch zwischen Buchholz in der Nordheide und Hannover erreichten die Züge des in Soltau ansässigen Betreibers nur zu 88,5 Prozent pünktlich den Bahnsteig. Damit trübte sich die Bilanz gegenüber 2016 um 2,7 Prozentpunkte ein.

Sorgen bereitet den Verkehrsplanern der LNVG weiterhin das RE-Kreuz Bremen/Niedersachsen. Auf den Strecken Osnabrück – Bremen – Bremerhaven und Hannover – Bremen – Norddeich fuhren die Züge der DB Regio lediglich zu 86,8 Prozent pünktlich in die Bahnhöfe ein. Die Bilanz verbesserte sich 2017 zwar geringfügig um 0,2 Prozentpunkte, die Tochter der Deutschen Bahn AG hält aber weiterhin die „Rote Laterne“. Grund: das Unternehmen muss sich die Trassen mit dem vorfahrtberechtigten, schnellen Fernverkehr teilen. Hinzu kamen baustellenbedingt eine Reihe von Langsamfahrstellen, die die Zuverlässigkeit des Fahrplans und die Geduld der Fahrgäste häufig strapazierten. Auch schwächer motorisierte Lokomotiven und die Herbststürme trugen zu den schlechten Pünktlichkeitswerten bei.

Bei den Zugausfällen konstatiert die LNVG in 2017 mit insgesamt rd. 1.134.000 Zug-Km eine fühlbare Steigerung gegenüber dem Vorjahr (+ 287.914 Km). „Sebastian, Xavier und Herwarth haben mit 278.000 annullierten Zugkilometern die Bilanz gründlich verhagelt“, bilanziert Schwabl. Insgesamt summierten sich die wegen massiver Witterungseinflüsse ausgefallenen Fahrten auf 634.000 Zug-Km, im Vergleich zu 2016 eine Steigerung um fast 75 Prozent. Am stärksten betroffen waren das RE-Kreuz Bremen/Niedersachsen, die Regio-S-Bahn Bremen/Niedersachsen und das Hanse-Netz mit den Strecken Hamburg – Uelzen bzw. Bremen – Hamburg. Umgestürzte Bäume, Schäden an den Gleisen und an den Oberleitungen zwangen DB Regio, die NordWestBahn GmbH (NWB) und metronom über mehrere Tage zur Einstellung des regulären Bahnbetriebes.

Baustellen der DB Netz AG waren 2017 ebenfalls in größerem Umfang mitverantwortlich für Zugausfälle. Die dringend erforderliche Substanzverbesserung des Schienennetzes forderte den Fahrgästen viel Geduld ab, sie mussten sich auf Bus-Ersatzverkehre und verspätete Züge einstellen. Insgesamt wurden rd. 500.000 Zug-Km aus dem Fahrplan gestrichen, ein Zuwachs von knapp 13 Prozent gegenüber 2016. Vor allem auf den Relationen Hannover – Bremen – Norddeich, Osnabrück – Bremen – Bremerhaven wie auch zwischen Hamburg und Cuxhaven sorgten länger dauernde Bauarbeiten bei DB Regio und beim metronom für Ausfälle. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in der Region Göttingen, wo Regionalzüge der DB Regio baustellenbedingt häufiger ausfielen und Pendler umdisponieren mussten. Ebenfalls stark betroffen der Abschnitt Varel – Sande im Weser-Ems-Netz, wo seit Frühjahr 2017 eine auf drei Jahre angelegte Wochenend-Sperrung den Fahrplan-Experten der NWB und den Reisenden auch in den Folgejahren noch viel Geduld abverlangen wird.

Deutlich abgeschwächt haben sich die Zugausfälle wegen fehlender bzw. kranker Lokomotivführer. Mit rd. 44.000 stornierten Zug-Km ergab sich 2017 gegenüber 2016 ein Rückgang um rd. 56 Prozent. Kaum ärgern mussten sich Fahrgäste, die mit der evb und der WestfalenBahn unterwegs waren. Im Weser-Elbe-Netz nahm die evb nur 15 Zug-Km aus dem Fahrplan, und auf der Emslandlinie zwischen Emden und Münster bzw. auf der Mittellandlinie fielen lediglich 298 bzw. 339 Zug-Km aus, weil der Führerstand leer blieb.

Am häufigsten betroffen von Zugausfällen waren Reisende des metronom und der NWB. Die metronom GmbH musste 2017 überwiegend zwischen Cuxhaven und Hamburg, aber auch im Hanse-Netz und auf der Strecke Uelzen– Göttingen über 12.000 Zug-Km aus dem Betriebsprogramm nehmen. Bei der NWB summierten sich die Zugausfälle im Weser-Ems-Netz, bei der Regio-S-Bahn Bremen /Niedersachsen  und auf den Strecken der Weser-/Lammetalbahn auf insgesamt knapp 23.000 Zug-Km. Die von Bodenburg über Hildesheim und Hameln nach Bünde verkehrende Weser-/Lammetalbahn war die einzige Relation, auf der die Zugausfälle wegen Lokführermangels gegen den Trend auf 4.733 Zug-Km (+ 47 Prozent) zulegten.

Für die Eisenbahnunternehmen bleibt der Fachkräftemangel eine ernstzunehmende Herausforderung. Die Unternehmen suchen händeringend nach Lokführern, häufig auch in Zusammenarbeit mit den örtlichen Arbeitsagenturen. Sie bilden inzwischen vermehrt selbst aus, greifen gelegentlich auf Leih- Lokführer zurück. Die LNVG hat sich auf die bundesweit veränderte Situation eingestellt. Sie verlangt in ihren Ausschreibungen, dass die Betreiber je nach Netz eine bestimmte Anzahl von Fahrzeugführern erfolgreich ausbilden und eine angemessene Personalreserve vorhalten.

Für verspätete bzw. ausgefallene Regionalverkehre erwartet die Verkehrsunternehmen nun eine anteilige Kürzung ihrer Zuschüsse, mit denen die LNVG den defizitären Nahverkehr auf der Schiene finanziert. Denn dieser trägt sich nur zu etwa 30-40 Prozent aus Fahrgelderlösen. In der Summe prognostizieren die Verkehrswirtschaftler der LNVG eine Minderung der sog. „Besteller-Entgelte“ für das Betriebsjahr 2017 um rd. 5,5 Millionen Euro. „Das Geld werden wir nicht auf die hohe Kante legen, sondern für Qualitätsverbesserungen ausgeben“, stellt Schwabl klar.

Pressemeldung LNVG

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