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Montag, 15 Oktober 2018 16:41

Rail Cargo Carrier: Lasst sie Helden sein - Traindriver-Challenge

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Anfang Oktober fand in Duisburg die Traindriver-Challenge statt. Das Event ist der Versuch eines Kölner Eisenbahnverkehrsunternehmens neue Wege gegen den Fachkräftemangel in der Eisenbahnbranche zu beschreiten.

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Fachkräfte fehlen in allen Branchen. Zwei Drittel der offenen Stellen in Deutschland sind schwer zu besetzen. Der Fachkräftemangel stellt Unternehmen vor größte Herausforderungen – und kann sogar die Wettbewerbsfähigkeit einzelner Unternehmen und die Innovationskraft der Wirtschaft gefährden. In Umfragen gibt gerne knapp die Hälfte der Unternehmen an, dass fehlende Fachkräfte ihre Produktionsmöglichkeiten hemmen. Soweit alles bekannt.

Mit dem sogenannten Employer-Branding hat sich ein lukrativer Dienstleistungssektor entwickelt. Der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater e. V. verzeichnet dauerhaft steigende Umsätze in der Consultingwirtschaft und der Bereich der Personalberater konnte seinen Umsatz 2017 auf 2,2 Mrd. Euro steigern. Das ist eine Verdopplung seit 2009.

„Wir haben nach Argumenten jenseits von Work-Life-Balance und Kopfgeldern gesucht.“ so Dirk Fröber, Erfinder der Traindriver-Challenge und verantwortlich für das Personalmarketing des Güter-Eisenbahnverkehrsunternehmens. Fachkräfte fehlen in vielen Bereichen. In manchen werden die Auswirkungen besonders deutlich - auch wenn sie zahlenmäßig nicht immer die Spitzenreiter sind. Wenn Züge stehen bleiben, weil Lokführer fehlen, merkt das und ärgert sich jeder. Und wenn Kinder sterben, weil es in den Kliniken zwar jede Menge Platz und Equipment, aber nicht genug Pflegekräfte gibt.* Es sind eben genau die Berufe, die sich, wenn nicht im Verborgenen, dann doch zumindest im Hintergrund abspielen.

Ein Generationen-Problem?

Auf die Frage, woran es liegt, dass Lokführernachwuchs so schwer zu finden ist, antwortet Anton Karl Forstner, Geschäftsführer des oben genannten Eisenbahnverkehrsunternehmen knapp: „An den Handys.“ Was er meint, ist vermutlich, dass heute „Influencer“ ein Traumberuf ist. Man muß augenscheinlich nicht wirklich etwas können, um mit Spaß und Leichtigkeit ganz weit oben zu landen. Der Geschäftsführer eines privaten Fernsehsenders berichtet, dass es mitunter schon schwierig wird, Stellen für den vermeintlichen Traumberuf Kameramann zu besetzen. Womöglich über Nacht in eine andere Stadt, war dem Kandidaten dann doch zu umständlich. Noch Ende der 80er Jahre konnte sich eine große Werbeagentur trauen mit der Headline „Junge, warum sieht Du so blass aus? Mutti, das verstehst Du nicht.“ in ihrer Stellenanzeige werben. Ob der designierte Kameramann zur Generation X oder Y gehört ist leider nicht bekannt. Gehört er zu Generation X ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er jetzt in einem Beruf arbeitet, der ihn langweilt und keine besondere berufliche Erfüllung verfolgt. Er wäre dann Teil der ersten Generation, die einen Großteil ihrer Freizeit mit Fernsehen sowie Video- und Computerspielen verbringen. Das Leben in einer Überflussgesellschaft ruft bei den Vertretern dieser Generation eine gewisse Entscheidungsschwäche hervor. Ihnen wird nachgesagt, dass sie aus der resultierenden Überforderung wiederum Dinge kaufen, die sie nicht brauchen und die sie nicht glücklich machen – oder sie entscheiden sich aufgrund der unbegrenzten Auswahl für gar nichts. Das gilt vermutlich auch für die Berufswahl.

Die Generation Y dagegen möchte eine Arbeit, die sinngebend ist und zur Selbstverwirklichung beiträgt. Eine "Synthese aus Leistung und Lebensgenuss", nennen es die Wissenschaftler. Diese Wünsche sind natürlich nicht gänzlich neu. Diese Generation formuliert sie und fordert sie ein - und zwar nicht erst nach X Berufsjahren. Sie verzichtet auf Geld zugunsten von mehr Freizeit und möchte trotzdem die Führungsposition. Erklären lässt sich dieses Verhalten möglicherweise mit einer Erziehung, die in sicheren und satten Zeiten von sehr viel Aufmerksamkeit, mutmaßlich übertriebener Wertschätzung und grenzenloser Wunscherfüllung durch die Eltern geprägt war.

„Als Fragezeichen betreten unsere Kinder die Schule, als Punkt verlassen sie sie.“ schrieb Neil Postman und bemängelt das aussterben übergreifender Ziele. Amüsieren wir uns tatsächlich zu Tode? Vielleicht wäre Florence Nightingale heute eine sechsstellige Follower-Zahl wichtiger als in wenigen Monaten 10.000 vom Krieg um die Krim gezeichnete Soldaten zu versorgen. Als Tochter einer überaus wohlhabenden Adelsfamilie sähe ihr Werdegang heute vermutlich anders aus. Gerne möchte man Mutter Theresa fragen, wie sie zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestanden hat. Und den legendären ersten Lokomotivführer William Wilson** wie wichtig ihm sein „Jahresruhetagsplan“ war.

„Die Helden meiner Kindheit waren mein Vater und Franz Meersdonk.“ erinnert sich Baby-Boomer Dirk Fröber. „Was beide gemeinsam hatten, war, dass beide ständig „auf Achse“ waren. Der eine in der ganzen Welt, der andere in Duisburg-Marxloh. Und natürlich der 36-Tonner Diesel von Mercedes und eine Wochenarbeitszeit von jenseits der 60 Stunden.“ Dirk Fröber hat vor einigen Jahren die Folgen des Verlustes von Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft durch Fachkräftemangel selber zu spüren bekommen. 2016 musste sein privater Jugendhilfeträger Insolvenz anmelden. „Wir hatten ein sehr besonderes und überdurchschnittlich nachgefragtes therapeutisches, tiergestütztes Angebot für schwerst- und mehrfach traumatisierte Kinder. Bewerber hatten wir immer genug. Schwierig wurde es immer dann, wenn die KollegInnen gemerkt haben, wie schwer die Verantwortung tatsächlich wiegt und welchen Preis der vermeintliche Traumjob tatsächlich fordert. Weder die ohnehin extrem intensiven Kinder noch die dazugehörenden Tiere ließen sich an Weihnachten, Silvester oder Omas 70. Geburtstag einfach mal kurz abschalten.“

Den Generationen X und/oder Y eine mangelnde Leistungsbereitschaft zu unterstellen, greift sicherlich zu kurz. Und die Errungenschaften der modernen Arbeitswelt sollen auch gar nicht in Abrede gestellt werden. Work-Life-Balance ist wichtig. Genauso wie eine faire Bezahlung und die Verträglichkeit von Familie und Beruf.

Sinnstiftende Tätigkeiten motivieren

Die Auswertung des aktuellen AOK-Fehlzeitenreports legt den Verdacht nahe, dass vielleicht die hinreichende Legitimation für das vorsichtige Außerachtlassen der modernen Annehmlichkeiten fehlt. „Erleben Beschäftigte ihre Arbeit als sinnstiftend, so wirkt sich das positiv auf ihre Gesundheit aus: Sie fehlen seltener am Arbeitsplatz, haben deutlich weniger arbeitsbedingte gesundheitliche Beschwerden und halten sich im Krankheitsfall häufiger an die ärztlich verordnete Krankschreibung.“*** Das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, ist Beschäftigten anscheinend wichtiger als ein hohes Einkommen. Leider fehlt den Personalern heute häufig die Fantasie, um über diesen Tellerrand hinaus zu blicken. Das Gefühl lässt sich eben schlecht berechnen und in einer Power-Point-Präsentation verkaufen.

Einfach ist das sicherlich auch nicht. Nur weil zu jeder Tages- und Nachtzeit in irgendeinem Sportkanal eine Timbersports-Aufzeichnung zu finden ist, wollen vermutlich nicht Heerscharen kleiner Jungs Holzfäller werden. (Immerhin hat diese Berufsgruppe zum eigenen Gericht gebracht: Wer kennt nicht das berühmte Holzfäller-Steak?) Und der überaus heroische und vielfach besungene Bergmann ist schließlich nur deshalb nicht vom Fachkräftemangel betroffen, weil ihn ohnehin keiner mehr braucht. Andererseits: Durch den Mangel an neuen Piloten müssen die Airlines immer tiefer in die Tasche greifen. Es ist ein regelrechter Wettstreit ausgebrochen, den vermutlich keiner gewinnen kann. Bei der Eisenbahn sieht es nicht anders aus: Antrittsprämien, Anwerbeprämien, bis zu 37 Tage Urlaub, BahnCards100, Arbeitskleidung, iPhones und Einstiegsgehälter, von denen mancher abendgeschulte Techniker nur träumen kann. Und? Hilft es?

„Wir wollen den Triebfahrzeugführern ihren Heldenstatus zurückgeben. Die Kollegen sollen stolz sein können. Auf sich, auf ihre Kollegen, auf ihr Unternehmen und vor allem auf ihren Beruf. Verdient haben sie es allemal. Wir glauben nicht an den langfristigen Erfolg von Antrittsprämien. Die wirken nur, bis der nächste € 3,- mehr bietet.“ so Fröber. „Mit der Traindriver-Challenge haben wir ein unternehmensübergreifendes Format entwickelt, dass die Wahnsinnsleistung unserer Kollegen und einen tollen Beruf ins Licht der Öffentlichkeit rückt. Anton Karl Forstner hat das sofort verstanden. Ohne seinen Weitblick wäre das alles so nicht möglich gewesen.“

Der Erfolg gibt ihnen bisher Recht. Zur zweiten Traindriver-Challenge, die erste war ein interner Probelauf, kamen über 350 Lokführer und Eisenbahnbegeisterte, die es vielleicht noch werden wollen, aus ganz Deutschland. Die Disziplinen reichten vom Hemmschuhwerfen über den Draisinensprint bis zur Königsdisziplin, dem Taurussprint. Inspiriert von den klassischen 1/8-Mile-Rennen kommt es dabei darauf an, die 88 Tonnen schweren und über 6000 PS starken Taurus-Lokomotiven möglichst schnell, möglichst punktgenau zum Stehen zu bringen. Jetzt bleibt abzuwarten, ob die Helden der Schiene auch genügend Bewerbungen schicken.

„Spaß gemacht hat es allen. Wir fangen sofort mit der Planung für 2019 an und hoffen einige Sponsoren zu gewinnen, um dann das ganze Ding zu einer internationalen Serie ausbauen zu können.“ freut sich Dirk Fröber sichtlich stolz. „Wir müssen jetzt nur noch HR über den Tellerrand hieven. Und bei aller Heldenhaftigkeit die Work-Life-Balance nicht vergessen.“

Pressemeldung Rail Cargo Carrier

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