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Samstag, 09 Januar 2021 12:00

Man soll nicht fotografieren, wie "man" fotografiert

99 7236 vor 1979 Eisfelder Talmuehle Lok setzt vor ret 99 5902 19790105 Ausfahrt Friedrichsbrunn

Beim Scannen alter Negative, Eisfelder Talmühle vor 1979, sehe ich in meinen Bildern einen Aufbau, der mich stutzen lässt: Da ist viel Raum um die Lokomotive, da liegen Haufen von Kleineisen im Vordergrund, Bäume strecken sich ins Bildfeld – und auch Menschen streben ins Bild.

Das war keineswegs die Kunst des jungen Fotografen, sondern oft genug das Hineinrennen in eine Situation, beim Verfolgen des Dampfzuges mit dem Käfer, der mit laufendem Motor irgendwo abgestellt wurde. In der Schneewechte am Haltepunkt Sternhaus-Haferfeld – wie man das Auto wieder herausbekam, war eine Frage, die sich nach der Aufnahme stellte.

Heute wird gepeilt und visiert, der Winkel, wie kommt das Licht, wo wird der ideale Punkt zum Auslösen sein – was soll nicht mit ins Bild. Das Personal mancher Betreiber photoshoppe ich heute eh aus den Bildern, um vorauseilend Ungemach zu vermeiden.

Wieviel Schaden hatte auch die Orientierung an falschen Vorbildern angerichtet, und einem die eigene Sicht aufs Bild verstellt: Die Kälte der erstarrten Arrangements à la Carl Bellingrodt, das Überentwickeln der schwarz/weiß – Negative, weil der Verlag die Bilder möglichst hart und kontrastreich für den Druck wollte – auf den damaligen Papierqualitäten.

Einen Anstoß zum Nachdenken bekam ich bei einem Besuch im Nürnberger Verkehrsmuseum im Herbst des Jahres – sind dort doch die Schottersteher von der eisenbahnfotografischen Zunft selbst Thema. Ironisch gebrochen wird auf die „idealen Fotopunkte“ mit Piktogrammen hingewiesen. Das wurde uns klar, als ich mich daranmachen wollte, eben diese Hinweisschilder als ungemein störend aus den Fotos heraus zu „retuschieren“…

Das falsche Ideal ist schlecht fürs eigene Bild: CM Peters warb für seine Kamera schon in den achtziger Jahren spöttisch: „Mit Motivklingel“. Natürlich schwimme auch ich im Mainstream, der auch eine Erwartung der Bild-Sehenden, also der Leser ist. Aber ich drehe mich auch gern mal gegen die Strömung – nicht nur mit der Kamera. Weswegen ich nie Aufträge annehme: Ich kann’s einfach nicht. Der Blick durch meine Kamera gehört mir.

Gutes Scannen ist zeitintensiv und anstrengend. Zeit für einen Spaziergang mit der Liebsten zu „unserem“ Guntershäuser Fuldaviadukt. Die Kamera ist seit 1971 natürlich jeden Tag dabei. Seit 40 Jahren leben wir jetzt in diesem Eisenbahnerdorf, das Viadukt bleibt übers Jahr ein schönes Ziel.

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Es ist noch ein halber Kilometer hin, aber ich bitte, zwei oder drei Minuten zu warten. In diesen schönen Abendhimmel der Raunächte bin ich sinnend und schwätzend hineingelatscht, und aufgeschreckt: Die Bäume, der Himmel – und da müssten doch die Regiotram und der CANTUS kommen?

Nein, das wird kein Bild mit perfekt ausgeleuchtetem Triebwerk werden, und auch die Betriebsnummern der Fahrzeuge werden wir nie in Erfahrung bringen. Regiotram, sieh mal: Der geleaste CANTUS. Das war schön, lass uns nach Hause gehen, ich habe Lust auf Deine guten Lebkuchen und einen Tee. Aber wie es so geht, wenn man stille vor sich hin geht: Ich glaube, ich höre da noch was kommen?! Ein Kalizug, zwei Kalizüge – Begegnung auf der Brücke.

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Das alte Fotografenglück, etwas eingefangen zu haben, vom heute, für den, der es teilen möchte, morgen oder in wieviel Jahren? Ob ich eine Bildsprache habe? Eine? Vielleicht ist es auch nur mein Dialekt…

„An einem Bild erkennt man den Fotografen – auch wenn dieser nicht darauf zu sehen ist.” (Klaus Ender)  

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