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Donnerstag, 01 März 2018 19:32

Historische Telegrafenleitung zwischen Holzkirchen und Schliersee wird demontiert

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Derzeit wird völlig unerwartet - der Neubau des ESTW Holzkirchen ist erst für die Zeit nach 2020 terminiert - die historische Telegrafenleitung zwischen Holzkirchen und Schliersee demontiert. Das ist für Fotografen umso bedauerlicher, befindet sich dieser als eingleisige Hauptbahn geführte Abschnitt der KBS 955 sicherungstechnisch im Zustand von vor über 100 Jahren.

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Insbesondere der Kopfbahnhof Schliersee mit seinem Stellwerk und der Pfarrkirche, samt Grab des berühmt-berüchtigten Wildschützes Jennerwein inmitten der Gleisgabelung nach Holzkirchen und Bayerischzell, war hier noch ein besonders Kleinod, aber auch der Rest der Strecke vermittelte auf weiten Strecken das Eisenbahnflair der vorletzten Jahrhundertwende.

Wären nicht in den 70er Jahren die" bayerischen Formsignale" in Schliersee gegen solche der "Reichsbahn-Einheitsbauart" ersetzt worden, konnte man sich, an statt der zuletzt eingesetzten Integral- und Talenttriebwagen der Bayerischen Oberlandbahn, sofort die hier bis zum Anfang der 70er Jahre dominierenden, ehemals preußischen P8 der BR 78 vor dem geistigen Auge vorstellen.

Auch dürfte es in Süddeutschland wohl keine andere Telegrafenleitung mit mehr als 30 Drähten mehr geben!

Dabei hätte es dieses historische Ensemble durchaus verdient, zumindest in Teilen unter Denkmalschutz gestellt zu werden, lief doch über diese bahneigne Freileitung im Jahre 1882 die erste von Oskar von Miller (dem späteren Gründer des Deutschen Museums)  anlässlich der "ersten Internationalen Elektrizitätsausstellung" initiierte Gleichstromfernübertragung zwischen Miesbach und München.

Oskar von Miller wollte damit erstmalig demonstrieren, daß man den mit einer Dampfmaschine beim Miesbacher Bahnhof produzierten Strom über weite Strecken mit Hilfe von Kupferdrähten transportieren kann. Das Experiment glückte prinzipiell. Durch den schlechten Wirkungsgrad von unter 25% konnte jedoch mit dem transportierten Strom gerade mal ein kleiner Springbrunnen im damaligen Münchner Glaspalast angetrieben werden.

Auch gab die hierfür zweckendfremdete und eigentlich nicht geeignete Bahnfernsprechleitung, aus schlecht leitendem Eisendraht, die für eine Stromstärke von einem halben Ampere eigentlich nicht ausgelegt war, schon nach wenigen Tagen den Geist auf, nachdem die Drähte durchgeschmolzen waren.

Dennoch war dieser erste Versuch - die Initialzündung - für unsere heute selbstverständlich wirkende Versorgung mit elektrischer Energie, die ja der Stromtransport über weite Strecken erst ermöglicht hat.

Auch für die spätere Elektrifizierung vieler Eisenbahnstrecken war dieses Experiment Grundvoraussetzung. Dies war wahrscheinlich auch der Grund, warum die "kgl.Bayerischen Staatsbahnen" es an ihren Anlagen zugelassen hatten.

Daß die letzten stummen Zeugen des heute weitgehend vergessenen, aber doch so epochalen Versuches, die bis zuletzt immer noch für eine sichere Abwicklung des Bahnbetriebes sorgten, heute so sang und klanglos und unbeachtet vom Denkmalschutz, beseitigt werden ist äußerst schade ...

Alexander Bauer

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Letzte Änderung am Freitag, 02 März 2018 08:05
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