english

Dienstag, 13 März 2018 12:32

Generationswechsel bei der Albtalbahn der AVG – Ende des "Interurban feeling"

IMG 5569IMG 5570

Heute steht die Albtal Verkehrs-Gesellschaft (kurz AVG) für ein regionales Eisenbahnnetz von fast 600km, 75 Mio Fahrgäste pro Jahr und vor allem für das "Karlsruher Modell" welches unter Dr. Dieter Ludwig entwickelt, den alten Gedanken der Vernetzung von Eisenbahn und Straßenbahn neu interpretiert und wieder salonfähig gemacht hat.

IMG 5564IMG 5572
IMG 5562IMG 5548
IMG 5565IMG 5561

Zweisystem-Triebwagen der AVG verbinden heute in flotter Fahrt Karlsruhe u.a. mit Baden-Baden, Freudenstadt, Bruchsal; Bad Wildbad, Pforzheim und Heilbronn um nur einige der prominenten Ziele zu nennen. 

Weniger Beachtung findet aber die "Kernzelle" des Unternehmens - die eigentliche Albtalbahn (heute S1/S11 bezeichnet) von Karlsruhe über Ettlingen nach Bad Herrenalb bzw. mit einer Zweigstrecke nach Ittersbach.

Zwischen 1897 und 1899 errichtete die Westdeutsche Eisenbahn Gesellschaft(WEG) bzw. deren Tochter -  die Badische Lokaleisenbahn AG (BLEAG) ein überwiegend meterspuriges Eisenbahnnetz von Karlsruhe in den Schwarzwald. Die Elektrifizierung erster Teilstrecken begann bereits 1898 und ab 1911 waren alle schmalspurigen Strecken der Albtalbahn elektrifiziert. In den 1950er Jahren stand die Region am Rande des Schwarzwald vor einer Entscheidung über die Zukunft der Schmalspurbahn. Stadt Karlsruhe und die betroffenen Landkreise entschieden sich - für die damalige Zeit ungewöhnlich - für die Beibehaltung des Eisenbahnbetriebes, aber mit Umspurung auf Normalspur und Verknüpfung zum Karlsruher Straßenbahnnetz.

Die neu gegründete Albtal Verkehrs Gesellschaft übernahm ab 1.4.1957 die Albtalbahn von der BLEAG und startete die schrittweise Umspurung welche mit dem Wiederaufbau der Zweigstrecke nach Ittersbach 1975 abgeschlossen werden konnte. Die mit 750 Volt Gleichspannung betriebenen Strecken haben eine Betriebslänge ab Karlsruhe Albtalbahnhof von ca. 25 km (bis Bad Herrenalb) und ca. 14 km (Busenbach - Ittersbach) zuzüglich einer Verknüpfung zum DB-AG Netz in Ettlingen West.

Anlässlich der Umspurung wurden 1958-1968 von der AVG 21 DÜWAG bzw. Rastatter WF Gelenktriebwagen beschafft, welche sich auf den ersten Blick kaum von ähnlichen Straßenbahnen unterchieden. Aber bereits damals wollte man den Fahrgästen für den Überlandbetrieb einen besonderen Komfort bieten. Bequeme Sitze, ein großzügiger Sitzteiler und Vorhänge boten - im Vergleich zu den alten Zügen der Schmalspurbahn - besonderen Komfort. Natürlich verfügten die Triebwagen über Vielfachsteuerung und es verkehrten bis zu 3 Achtachser im Zugverband (ein ET dieser Generation ist als historischer Triebwagen erhalten geblieben).

Ab 1983 hielten moderne - vom Stadtbahnwagen B abgeleitete - Triebwagen in sechs-und achtachsiger Ausführung Einzug im Albtal und bestimmten seither die Reisequalität mit "Interurban feeling" in Anlehnung an die hohe Beförderungsqualität US-amerikanischer Überland- und Lokalbahnen. Sitzteiler 1+2 trotz Fahrzeugbreite von 2,65m; Aussichtabteile mit Dachrandverglasung und bequeme Reisebusbestuhlung waren nur einige Attribute für die "Fernzüge" ins Albtal welche sich deutlich von den innerstädtischen Straßenbahnen unterschieden. Daneben sorgte eine Luftfederung für ausgezeichnete Laufeigenschaften.

Einziger Nachteil der bei Kunden wie Mitarbeitern gleichermaßen beliebten Fahrzeugflotte - der hochflurige Einstieg und die fehlende Tunneltauglichkeit für den ab 2021/22 in Betrieb gehenden Innenstadt-Tunnel in Karlsruhe. Seit Juli 2017 setzt daher die AVG den neuen Karlsruher Straßenbahnwagen vom Typ Vossloh Citylink (NET 2012) auch im Eisenbahnbetrieb nach Bad Herrenalb und Ittersbach ein. Bequeme Einstiege erleichtern vielleicht den Abschied des gewohnten Komforts - aber für den Reisenden wird eben nur mehr "Kurzstreckenkomfort" geboten, von den Laufeigenschaften bis zu den harten Sitzplätzen für Kurzstreckenfahrer im Stadtgebiet.

Die Reisenden vermissen auch den Panoramablick auf den Schwarzwald und den vertrauten Klang der Mehrtonpfeife der Stadtbahnwagen.

"Sic gloria transit mundi" (So vergeht der Ruhm der Welt) - die Kunden der Albtalbahn müssen eben Abschied vom Komfort einer epochemachenden Eisenbahntechnik nehmen und mit den Segnungen moderner Straßenbahnen vorlieb nehmen. Schade - die Albtalbahn hätte es anders verdient.

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Zurück