Reisebericht: Vom Rheinland durch den neuen Gotthard -Basistunnel


Lange habe ich mir vorgenommen, einmal durch den längsten Eisenbahntunnel der Welt, den 57 Kilometer langen Gotthard-Basistunnel, zu fahren. Der Tunnel wurde nach über 17-jähriger Bauzeit im Dezember 2016 für den Verkehr freigegeben. 2020 folgte dann der Ceneri-Basistunnel, der fünftlängste Eisenbahntunnel der Schweiz, mit 15,4 Kilometern Länge, dessen Bau 2006 begann. Die Fahrzeiten haben sich hierdurch signifikant verkürzt.
Neben der Tunnelfahrt wollte ich auch gerne einmal mit dem Giruno reisen, dem ersten komplett in der Schweiz entwickelten und gefertigten Hochgeschwindigkeitszug. Bestellt wurden 2014 zunächst 29 Stück, welche ab Dezember 2019 zum Einsatz kamen. In den Jahren 2022 und 2024 wurden nochmals 7 bzw. 5 Garnituren nachbestellt, um den Service nach Deutschland und Italien zu erhöhen. 2025 soll die 2. und 3. Serie geliefert werden und zum Einsatz kommen.
Gebucht wurde ein Europa -Super- Sparpreis 1. Klasse zum Preis von jeweils 65,99 € für die Hin- und Rückfahrt. Ein Schnäppchen, bedenkt man, dass ich erst drei Wochen zuvor gebucht habe. Das Hotel in Lugano schlug mit 109 € inkl. Frühstück und Kurtaxe zu Buche, das „Ticino“ - Ticket zur kostenlosen Nutzung der „S-Bahn Tessin“ inkl. der Busse und Seilbahnen war im Preis inbegriffen.
Die Hinfahrt startete im Rheinland mit der S19, welche mich pünktlich zum Bahnhof Köln Messe/Deutz brachte, wo ich dann in der Tiefebene zum ICE 101 gelangte. Dieser bestand aus zwei Einheiten der Baureihe 403 (ICE3). Das erfolgte Redesign lässt den Zug sehr modern und hochwertig wirken. Der genannte Bahnhof ist eine Katastrophe; es gibt keine Aufzüge und Rolltreppen zu den Ferngleisen, auf dem Bahnsteig der S-Bahn roch es zudem nach Alkohol und Urin... In Basel SBB kam ich dann pünktlich an. Die Fahrt verlief recht ruhig und trotz der zahlreichen Baustellen im Raum Köln, Ludwigshafen und der Rheintalbahn (insbesondere Rastatt, Müllheim, Weil am Rhein) war ich pünktlich. Nach einem kurzen Aufenthalt stieg ich in den IC 671, welcher mich bis Lugano fahren sollte. Zum ersten Mal sah ich diesen Zug von innen; er machte auf mich einen sehr hochwertigen Eindruck – sofort fielen mir die bequemen, verstellbaren Sitze auf. Barrierefrei ist der Zug leider nicht; trotz der Niederflurbauweise gibt es Stufen und die Übergänge der Wagen sind eng. Der Fahrkomfort ist durchschnittlich, der Zug neigt im mittleren Geschwindigkeitsbereich zum Vibrieren und Dröhnen, besonders bei der Fahrt durch Kurven. Die Klimatisierung ist sehr angenehm. Sind die Schienen nass, so ruckelt der Zug beim Beschleunigen stark. Auch in der Schweiz ist nicht jeder Zug pünktlich; so wurde Olten mit 3 Minuten Verspätung erreicht. Die Schweizer Landschaft hat mich mehr interessiert als die Städte. Die Berge mit dem vielen Grün wirken auf mich sehr imposant. Der Zuger See hat mich von seiner Größe stark beeindruckt...
Hinter Erstfeld befahren wir dann den neuen Gotthard-Basistunnel, der Zug beschleunigt nun auf bis zu 230 km/h. Es wird sehr laut, der Wagenkasten neigt zu leichten Querbewegungen. Dennoch bin ich fasziniert, was dieses kleine Land hier realisiert hat; unglaublich die vielen Abbruchmassen, die Bohrungen. Ich habe viel darüber gelesen und an Dokumentationen gesehen, aber selber einmal durch den längsten Eisenbahntunnel zu fahren, war für mich das absolute Highlight ! Nach knapp 16 Minuten war die Fahrt durch den Tunnel zu Ende... hinter Giubiasco fahren wir noch durch den Ceneri-Basistunnel mit einer Länge von ca. 15,4 Kilometern; die Fahrt dauerte knapp 6 Minuten. Pünktlich kam ich in Lugano an. Der Bahnhof ist momentan eine Baustelle, aber es wird gearbeitet! Ein großer Bautrupp arbeitet an der Überdachung, auch ein Seitenflügel des Hauptgebäudes wird saniert. Leider hat es stark geregnet, und nach einer „Ehrenrunde“ durch die Stadt fand ich nach über einer Stunde mein Hotel. Nach dem Check-In und Ausruhen begab ich mich dann in die City, der Regen ließ nach... Lugano kannte ich bislang nur vom Durchfahren während meiner Touren mit dem CNL in den Jahren 2007-09 nach Mailand.... Der große See, die vielen Berge, ich liebe es einfach... Die Stadt ist generell nichts für den kleinen Geldbeutel; viele Luxusautos sind zu sehen, teure Geschäfte wie Prada, Louis Vuitton und Cartier. Die Stadt ist sehr sauber, Weggeworfenes auf dem Boden sucht man vergebens.
Nach einem Essen in einem Schnellrestaurant und einem knapp 2-stündigen Spaziergang ging ich nochmals zum Bahnhof. Neben den Giruno sah ich auch einen ICN auf dem Weg nach Zürich. Zudem sind die meisten Züge hier vom Typ FLIRT der S-Bahn Tessin. Natürlich konnte ich auch viele Güterzüge, bespannt mit VECTRON und TRAXX, sehen; Re420 / 460, bekam ich hier leider keine zu Gesicht.
Nach einer angenehmen Nacht und einem guten Frühstück checkte ich aus und begab mich nochmals in die Stadt, in der Hoffnung, bessere Fotos machen zu können. Danach fuhr ich mit dem Bus zum Bahnhof und stieg in die S 60 nach Ponte Tresa .Die Fahrt auf dieser knapp 12 Kilometer langen Strecke dauerte knapp 25 Minuten, es gab ein paar Verspätungen aufgrund kreuzender Züge, da die Strecke teilweise nur eingleisig ist.
An der Endstation genoss ich noch die Aussicht auf den Ausläufer des Luganer See, machte ein paar Fotos und fuhr dann wieder nach Lugano. Die Züge sind sehr laufruhig und angenehm klimatisiert.
Eine halbe Stunde vor Rückfahrt befand ich mich am Bahnhof; IC 680, Abfahrt 14:02 Uhr, sollte mich nach Basel SBB bringen. Mit dem netten Tf kam ich ins Gespräch; ich fragte ihn, ob ich mir den Führerstand einmal anschauen dürfte. Als Enthusiast bin ich eben sehr interessiert. Das Cockpit unterscheidet sich nicht viel von anderen Hochgeschwindigkeitszügen wie dem ETR 1000 oder dem ICE3neo.
Die Rückfahrt verlief ebenfalls ohne Probleme. Den kurzen Zwischenstopp in Luzern nutzte ich, um noch ein paar mir unbekannte Züge anzuschauen. So fand ich den SBB RBDe 560 "Domino" vor, welcher seit 1985 im Einsatz ist und gemäß aktueller Planungen zwischen 2029-34 durch den FLIRT EVO abgelöst werden soll.
Sehr ungewöhnlich fand ich die Züge der Bauart „Lötschberger“ (BLS RABe 535), welche 2008-12 von Vevey Technologies und Bombardier gefertigt wurden. Sie werden überwiegend auf der Regioexpress – Linie Bern – Langnau – Wolhusen – Luzern eingesetzt. Überrascht war ich von einem Zug der „Zentralbahn“, welcher aus einer HGe 4/4 II und älteren Personenwagen besteht. Die Lokomotiven mit Drehstromantrieb wurden erstmals 1989 eingesetzt; die Wagen stammen aus den 60er Jahren. Auch wenn die Fahrzeuge ab 2015 modernisiert wurden, ist deren Ersatz ab 2025 vorgesehen. Neue Triebzüge des Typs „ADLER“ sollen sie ersetzen.
Nach einer knappen Stunde wurde dann Basel SBB pünktlich erreicht. Hier habe ich mir eine Garnitur des Twindexx- Schwiss – Express näher anschauen können, bevor es pünktlich mit dem ICE 102 nach Köln Messe/Deutz (tief) ging. Zu meinem Heimatort brachte ich mich dann pünktlich der RE9.
Eine sehr abwechslungsreiche Fahrt liegt hinter mir; ich war angetan von der souveränen, unvoreingenommen Art des Schweizer Volks. Das Zugpersonal, sowohl im ICE, als auch im „Gotthard-IC“, hat einen sehr guten Job gemacht und stand immer mit Informationen zur Verfügung.
Ich bedanke mich herzlich bei der Medienstelle der SBB, der BLS und Herrn Keiser von der Zentralbahn Luzern für die technischen Informationen zu den Strecken und Zügen.
Fotos
• Foto 1: ICE 101 kurz vor Abfahrt in Köln Messe/Deutz (tief) am 07.10.24
• Foto 2: Bei meiner pünktlichen Ankunft in Basel SBB fand ich noch ein paar lokbespannte IC-Züge vor. Die Re460 ist seit 1991 im planmäßigen Einsatz und wirkt noch immer zeitlos elegant. Ihr Einsatz wird nach derzeitiger Planung bis 2041 andauern.




• Fotos 3 – 5: Der Giruno, als ICE 671, in Basel SBB steht zur Abfahrt bereit; barrierefrei ist der Zug leider nicht – es ist, trotz Spaltüberbrückung, eine Stufe vorhanden. Zudem sind die Wagenübergänge - bauartbedingt - eng. Ich nahm in der 1. Klasse des Steuerwagens Platz. Die Sitze ähneln denen im KISS der neuesten Serie. Sie sind verstellbar, eine Leselampe ist leider in der Kopfstütze nicht vorhanden.
• Foto 6: Nach pünktlicher Ankunft in Lugano schaute ich mir das Bahnhofsumfeld an. Ca. 50 Meter vom SBB - Bahnhof endet die S60 und wird von der Lugano – Ponte – Tressa – Bahn, , italienisch: Ferrovia Lugano–Ponte Tresa, abgekürzt FLP, offiziell Ferrovie Luganesi, betrieben. Sie ist eine schmalspurige Privatbahn und wurde am 5. Juni 1912 unter dem Namen Società Ferrovie Luganesi (FL) eröffnet, ihre Länge beträgt 12,2 Kilometer. Seit dem Fahrplanwechsel vom 9. Dezember 2007 verkehren die Züge alle 15 Minuten, am Abend, an Wochenenden und Feiertagen alle 30 Minuten. Die Strecke ist in das Netz der S-Bahn Tessin integriert. Neun im Jahre 2018 bestellte Tramlink „Be 6/8“ ersetzten die aus dem Jahre 1978 stammende Flotte Be 4/8 und Be 4/12. Die Fahrleitungsspannung beträgt 1.200 Volt Gleichstrom.


• Foto 7: Vom Bahnhof aus ergibt sich ein toller Ausblick auf den Luganer See, die Berglandschaft ist einfach nur faszinierend.
• Foto 8: In der „Tiefebene“ des Bahnhof endet die 204 m lange Strecke zur 55 Höhenmeter tiefer gelegenen Piazza Cioccaro. Der Bahnhof befindet sich im Quartier Sassello, von dem die Bezeichnung der Bahn als Sasselina abgeleitet wurde. Die neueste Generation der Wagen wurde 2016 in Betrieb genommen.


• Foto 9: Die S-Bahn Tessin hat eine Streckenlänge von 310,2 Kilometern. Bedient werden 6 Linien, es gibt 47 Stationen, davon werden 3 Fernbahnhöfe angefahren. Die kleinste Taktfolge beträgt 15 Minuten. Die Linien S10, S20, S30, S40 und S50 werden von der TILO (Treni Regionali Ticino Lombardia), einer 2004 gegründeten Tochterfirma der SBB und Trenitalia, betrieben. Die S60 hingegen wird von der Ferrovia Lugano – Ponte Tresa betrieben. Zum Einsatz kommen Fahrzeuge des Typs FLIRT , die FLP hingegen nutzen Tramlink Be 6/8. Das Foto zeigt einen interessanten Vergleich beider FLIRT-Generationen am Abend des 08.10.24 in Lugano. Beide Fahrzeugtypen sind sehr leise und wirken hochwertig von der Inneneinrichtung her.
• Foto 10: Vor der Rückfahrt im IC 670 fragte ich den netten Tf, ob ich mir einmal den Führerstand ansehen konnte. Der Bedienstete der SBB bejahte dies und fragte noch scherzhaft, ob er seinen Apfel noch in Ruhe aufessen dürfte… wir mussten beide lachen. Das Cockpit ähnelt sehr dem ETR 1000. Wir unterhielten uns noch ein paar Minuten über die Technik des Zuges und über das Leben in der Schweiz; zwei Minuten vor Abfahrt nahm ich dann im Fahrgastbereich Platz.




• Fotos 11 – 14: In Luzern nutze ich den Aufenthalt von ca. 11 Minuten, um mir die dort eingesetzten Züge einmal anzuschauen. So fand ich noch den SBB RBDe 560 "Domino" vor, welcher seit 1985 im Einsatz ist und gemäß aktueller Planungen zwischen 2029-34 durch den FLIRT EVO abgelöst werden soll. Sehr ungewöhnlich fand ich die Züge der Bauart „Lötschberger“ (BLS RABe 535), welche 2008-12 von Vevey Technologies und Bombardier gefertigt wurden und überwiegend auf der Regioexpress – Linie Bern – Langnau – Wolhusen – Luzern, eingesetzt werden. Überrascht war ich von einem Zug der „Zentralbahn“, welcher aus einer HGe 4/4 II B (1989), einem Gelenksteuerwagen ABt (2006), einem Panoramawagen (A 102 / 103; 1994) und mehreren , zwischen 1964-67 hergestellten Wagen des Typs B (1964-67) und einem Halbgepäckwagen BD 351 – 357 (1968-69) bestand. Auch wenn die Fahrzeuge ab 2015 modernisiert wurden, ist deren Austausch durch neue Triebzüge namens „FINK“ (6 Stück, ab 2026) und „ADLER“ (2 Stück, ab 2028) vorgesehen.

• Foto 15: In Basel SBB stand pünktlich zur Weiterfahrt nach Köln Messe/Deutz (tief) der ICE 102 bereit, der mich pünktlich ans Ziel brachte.
GBI




