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Dienstag, 29 Januar 2019 11:00

Er ist wieder da - der 612 im Edertal

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Abfahrt 7:37 Uhr in Guntershausen, am 29.1.19 aufgenommen von Dr. Klaus-Peter Lorenz.

Sehr lange Jahre bin ich mit dem 612 in Nordhessen zum Dienst gefahren, aus dem Kasseler Süden nach Hofgeismar, Zuglauf: Treysa-Hagen. Lange Jahre hatten die 612 sich später auf die Relation Kassel-Hagen zurückgezogen. Dabei war gerade dieser morgendliche Pendlerzug auf der Main-Weser-Bahn in gewisser Weise immer auch ein "politischer" Zug.

Als er vor Jahr und Tag gestrichen werden sollte, gab es eine Unterschriftensammlung der berufstätigen Frauen gegen seinen Entfall, und der Eilzug von Wilhelmshöhe Richtung Diemeltal und Sauerland fuhr morgens früh vorher noch eine Schleife in den Süden, ins Edertal.

In den vergangenen Wochen fielen bei der Kurhessenbahn, die diese Relation (B 38) seit zwei Jahren bedienen soll, notorisch beide Frühzüge aus - im Kern wegen Fahrzeugmangels des DB-Regional-Unternehmens: Die Werkstatt in Kassel ist nicht mehr aktiv, die neue Werkstatt in Korbach kämpft mit vielerlei Problemen nicht nur der Bahnaufsicht. Deswegen werden die Schadtriebwagen aus der Mitte Deutschlands nicht nur in Baunatal, sondern auch in Chemnitz, Schöllkrippen, Erfurt, Limburg und anderswo "unterhalten". Die weiten Leerfahrten verlängern wiederum die Ausfallzeiten der Fahrzeuge.

Als ich nach den Weihnachtsferien erstmals wieder auf der Bebraner Bahn nach Kassel fuhr, saßen dort die Pendler, die sich mit dem Auto "über den Berg" zur Regiotram hatten fahren lassen. Nun ist der Nordhesse nicht redselig, und das besonders, wenn die Liebste bei Januarfrösten in aller Frühe im Morgenmantel schnell mal den Gatten zum Zuge fahren musste. Aber bös' fauchte es mir entgegen: "Habe schon 19 mal die 5-Minuten-Garantie eingereicht!"

Pünktlicher geht's nicht, wirbt der Verkehrsverbund, was natürlich zynisch klingt, wenn die Regionalzüge wochenlang ausfallen - von den Wochenenden ganz zu schweigen. Eine Pünktlichkeitsgarantie zu bemühen, wenn ein Verkehrsunternehmen über Jahr' und Tag die Vertragsauflagen nicht erfüllt, geht aber am Verständnis der Aufgaben eines Verbundes einfach vorbei. Fast zwei Jahre über den Vertragsschluss hinaus fuhren hier nicht barrierefreie 628, während die jüngeren 642 mit Fristabläufen und ähnlichem auf Werkstatttermine, und in Mukran die 646 der DB AG auf Käufer aus dem Ausland warteten.

Nun sind wir wieder da, wo wir vor zig Jahren waren: Die frühen Züge nach und von Treysa (23141/23142) fahren in Doppeltraktion 612 von DB Regio bis Wilhelmshöhe und weiter nach Hagen.

Früher - war manches besser, als nicht sechs Schienenverkehrsunternehmen in Nordhessen unterwegs waren, sondern nur eines - mit einem großen Pool an Fahrzeugen und eigenen Werkstätten. Und auch die Tatsache, dass man(n) unten rütteln muss, wenn sich oben nichts rührt, ist keine wirklich neue Erkenntnis, siehe oben.

Und wer die politische Überzeugung vertritt, öffentlicher Nahverkehr sei eine Aufgabe der Grundversorgung, dem sei gesagt: Das Wasser ist uns in den letzten 10 Jahren nicht einmal abgestellt worden. Das allerdings zahlen wir nach Verbrauch, und nicht ein Jahr im Voraus für Züge, die nicht gefahren werden können. Dass sie "ausfallen" hat einen schicksalhaften Unterton, der dem dahinter stehenden unternehmerischen Kalkül wie den politischen Vorgaben nicht gerecht wird.

Dr. Klaus-Peter Lorenz

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Letzte Änderung am Dienstag, 29 Januar 2019 10:06