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Montag, 23 September 2019 11:19

Übernahme der Pechot-Bourdon-Feldbahndampflok des VMD durch das FFM

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Nach langjährigen Bemühungen konnte das Frankfurter Feldbahnmuseum (FFM) die 600mm Pechot-Bourdon Dampflokomotive der französischen Heeresfeldbahn aus dem Verkehrsmuseum Dresden (VMD) als Leihgabe übernehmen. Der Abtransport erfolgte am Freitag im Zuge einer Umstellung der Fahrzeugsammlung aus dem Dresdner Johanneum. Vor wenigen Minuten erreichte die Lok wohlbehalten das FFM. 

Nur zwei dieser Loks sind weltweit erhalten, nämlich die Loks 101 und 215.

Während man sich bei den Heeresfeldbahnen in Deutschland als erste Standardlok für eine Doppellok, nämlich den Zwilling (2x 30 PS) entschied, wurde in Frankreich eine Fairlie-ähnliche 60-PS-Gelenklok entwickelt. Benannt ist die Pechot-Bourdon nach ihren Erfindern, einem Artilleriekapitän namens Pechot und einem Ingenieur des Lokomotivbauers und Feldbahnpioniers Decauville namens Bourdon. Die beiden erhielten 1887 ein Patent auf diese Bauart, die einige Konstruktionsmerkmale enthielt, die sie von den ebenfalls patentierten britischen Fairlie-Lokomotiven unterschied.

Kapitän Pechot entwickelte diese Lokomotive im Rahmen eines Systems von Gleisen und Fahrzeugen zur Versorgung von Stellungen und Festungen. Die Lokomotive weicht sehr stark von den damals üblichen Lokomotiven ab. Pechot hatte sich die Anregungen zur Konstruktion dieser Maschine in Großbritannien bei den Farilie-Loks der 597mm spurigen Ffestiniog Railway - heute die älteste noch aktive Schmalspurbahnen der Welt - geholt. Obwohl es sich bei den zwei Feuerbüchsen in einem Stehkessel und zwei Langkesseln und zwei angetriebenen Drehgestellen im Prinzip um Double-Fairlies handelte, wichen die Pechot-Bourdon-Lokomotiven in einigen charakteristischen Punkten von den britischen Fairlie-Lokomotiven ab. Entscheidender Unterschied ist der einzelne Dampfdom in Lokomotivmitte, während die "echten" Fairlie-Lokomotiven stets zwei Dampfdome haben. Vorteil dieser Bauart ist ein konstanter Wasserspiegel im Bereich des Doms, unabhängig von der Steigung der Strecke.

Ein weiteres charakteristisches Merkmal waren die mit Gummiplatten ausgelegten Drehpfannen, die eine Anpassung der Drehgestelle auch an stark verwundene Gleise gewährleisten sollten. Die große Beweglichkeit der Drehgestelle ermöglichen das Befahren von Radien bis 20 m. Dies wird unter anderem dadurch gewährleistet, dass die Dampfeinströmrohre durch die Drehzapfen geführt werden und somit nur kleinen Relativbewegungen unterworfen sind. Am inneren Ende der Drehgestelle befindet sich eine gefederte Abstützung, die das Gewicht der Zylinder ausgleicht und für eine gleichmäßige Lastverteilung sorgt.

Beide Dampfmaschinen sind unabhängig voneinander mit Dampf zu beaufschlagen (zwei Regler) - im Fall der Beschädigung eines der beiden Triebwerke konnte eine Lokomotive damit noch aus der Gefahrenzone gefahren werden. Wegen der hohen Schwerpunktlage und insbesondere bei schlechtem Oberbau neigten die Loks in der Praxis zu Entgleisungen.

Die Lok ergänzt den Sammlungsschwerpunkt der "Heeresfeldbahn" in Frankfurt a.M. hervorragend, da zu der Lok ein originaler französischer Heeresfeldbahnzug und auch eine französische Heeresfeldbahnmotorlok bereits vorhanden sind. Die betriebsfähige Aufarbeitung der Lok ist möglich. Außerdem ergänzt sie mit der Mallet die Sammlung der Gelenklokomotiven. Das Frankfurter Feldbahnmuseum kann damit zwei der vier bekanntesten Gelenk-Bauarten zeigen (Mallet, Fairlie, Meyer, Garratt).

Insgesamt wurden 61 dieser Loks von dem belgischen Hersteller Tubize und den französischen Herstellen Cail (Fabriknummernkreis 2271-2289, 2377-2380, 2794-2809) und Fives Lille (Fabriknummernkreis 2769-2780) zwischen 1888 bis zum Jahr 1906 gebaut. Es waren dies die Loks mit den armeeinternen Betriebsnummern 1 bis 61. 15 weitere Loks mit den vermuteten Betriebsnummern 62-76 lieferte North British aus Großbritannien. Decauville selbst fertige nur einzelne Exemplare dieser Loks.

Im ersten Weltkrieg wurden 1915 und 1916 von den USA insgesamt u.a. 264 weitere Maschinen in zwei Serien von Baldwin - dem damals weltgrößten Lokomotivhersteller - innerhalb weniger Monate für das französische Heer zur Entlastung des französischen Industrie geliefert. Es handelte ich dabei um die Loks mit den armeeinternen Betriebsnummern 77 bis 161 (Fabriknummernkreis 41957-42051) und 175 bis 354 (Fabriknummernkreis 43081-44473).

Insgesamt gab es damit ca. 340 Loks dieser Bauart zuzüglich einer 1921 von Baldwin für die Japanische Heeresfeldbahn gebauten Maschine. Für die Loks sind neben der Einsätzen in den Festungen Frankreichs und an der Westfront auch der Betrieb in deren nordafrikanischen Kolonien, an der mazedonischen Front und auch in Polen nachgewiesen. Bekannt ist für die Zeit nach dem 2. Weltkrieg z.B. der Einsatz der Lok Nr. 206 bei der Baufirma Josef Hebel in Memmingen sowie Einsätze derartiger Loks bei der Trümmerbahn Magdeburg. Die Lok Nr. 101 verblieb im Kohletagebau Kostolac/Serbien, wo sie der Nachwelt bis zur Übernahme durch das Museum in Pozega (Baldwin 1915 mit der Werksnummer 41983) erhalten blieb. Aktuell ist die 101 als serbische Leihgabe bei der französischen Museumbahn Tacot des Lacs ausgestellt.

Die Lok des Feldbahnmuseums trägt mehrfach am Fahrwerk eingeschlagen die Nummer 215. Auch die Nr. 217 ist im Gestänge zu entdecken. Es handelt sich dabei um die französische Heeresfeldbahnnummern. Unterstellt, dass es sich um die Lok Nr. 215 handelt, ist es eine Lok der zweiten Baldwin Serie mit der Fabriknummer 43367, ausgeliefert an das französische Kriegsministerium im Mai 1916. Die letzte Sichtung der Lok erfolgte in den 1940er Jahren an der Maginot-Linie, bevor sie ende r der 1940er Jahre im Ausbesserungswerk Chemnitz durch das VMD entdeckt und dort für die Sammlung hergerichtet wurde. Eine "zweite Politur" erhielt die Lok in den Lokwerkstätten Tharandt.

Die Beschaffung fehlender Teile (z.B. 2x Klaxon - ein mechanisch betriebenes Signalhorn, Lokschilder, Loklampen, Dampfpfeife usw.) hat bereits begonnen. Neu zu bauen sein werden die beiden fehlenden Schornsteinaufsätze samt Schornsteinklappen und die beiden Werkzeugkästen auf den Langkesseln. Ab Werk war die Lok grau lackiert.

Die Lok 215 wird am 28.09.2019 erstmals im Feldbahnmuseum zu sehen sein.

Pressemeldung Frankfurter Feldbahnmuseum e.V.

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Letzte Änderung am Montag, 23 September 2019 11:27