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Mittwoch, 11 September 2019 13:22

DVF: Fachkräfteeinwanderungsgesetz tritt am 1. März in Kraft – auch Wirtschaft muss in Mitarbeiter investieren

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Leonie Gebers, Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, hat bei der Veranstaltung des DVF die Wirtschaft und Unternehmen dazu aufgerufen, verstärkt in Weiter- und Ausbildung ihrer Mitarbeiter zu investieren: „Allein das Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das zum 1. März 2020 in Kraft tritt, wird nicht ausreichen, um unseren Fachkräftebedarf zu decken. Wir dürfen nicht nachlassen, unsere inländischen Potenziale durch mehr Qualifizierung zu heben und auch Einwanderung im Rahmen der EU-Freizügigkeit zu nutzen.“

Laut Gebers arbeite man mit Hochdruck daran, die flankierenden Verwaltungsprozesse zur Umsetzung des Gesetzes anzupassen. Ziel sei es, die Prozesse so schlank wie möglich zu gestalten, ohne dass dies zulasten der Qualität gehe. Besonders wichtig sei dies etwa beim Thema Qualifikation: „Wir wollen nicht bei den erforderlichen Qualifikationen Abstriche machen, sondern müssen die Anerkennungsverfahren beschleunigen“, so Gebers.

DVF-Geschäftsführerin Dr. Heike van Hoorn betonte, dass es auch für die Verkehrsbranche enormes Problem sei, Fach- oder Arbeitskräfte zu bekommen, nicht nur in den breit diskutierten Berufsfeldern Pflege- und Gesundheitsberufe, Erzieher oder Lehrberufe. „Die Engpässe an Schlüsselpositionen in Transport und Mobilität schlagen sofort auf die Wirtschaft und unsere Gesellschaft durch. Unsere Unternehmen suchen händeringend Personal der Berufsbilder Fahrzeugführer, Ingenieure der verschiedensten Fachrichtungen, technisch-gewerbliche Berufe wie Mechatroniker und IT-Spezialisten und Digitalisierungsfachleute.“ Auch habe die Branche ein Imageproblem, so die DVF-Chefin. Dem werde bereits durch Imagekampagnen und Jobportale entgegengewirkt, die erklären und zeigen, welche vielfältigen und spannenden Berufe es im Mobilitäts- und Logistiksektor gibt.

Praxisbeispiele, wie Unternehmen es schaffen können, Mitarbeiter zu halten und neu zu gewinnen, zeigte Dr. Jörg Mosolf, DVF-Präsidiumsmitglied und Vorsitzender des Vorstands (CEO), MOSOLF SE & Co. KG auf: „Wir haben direkt im EU-Ausland, etwa in Polen, Ungarn oder Bulgarien Akquise von LKW Fahrern betrieben und dort Deutschsprachkurse angeboten. Ebenfalls haben wir die Ausstattungs-Standards unserer 35 Standorte erhöht, beispielsweise durch hochwertige sanitäre Einrichtungen, Kantinen, Aufenthalts- und Ruheräume, sowie sichere LKW Parkplätze. Darüber hinaus bieten wir den Fahrern Wohnungsangebote. Das sind ganz konkrete Maßnahmen, die dem Lkw-Fahrer ein angenehmes und hochwertiges Berufsumfeld bieten.“

Zur Personalgewinnung ist die Fraport AG ebenfalls einen neuen Weg gegangen und hat im EU-Ausland neue Mitarbeiter geworben. Laut Michael Müller, Mitglied des Vorstands, Arbeitsdirektor Fraport AG, war das aufwendig, habe sich aber gelohnt. Diesen Aufwand könnten kleine Betriebe nicht leisten, auch was die Integration von Geflüchteten ins Arbeitsleben betreffe. Hier habe Fraport auch besondere Sprachkurse und Betreuung angeboten. Ein Problem bei der Personalgewinnung sei, dass Fraport am Standort Frankfurt mit vielen Unternehmen um Arbeitskräfte konkurriere, bei der Bezahlung aber durch den starken internationalen Wettbewerb im Luftverkehr, der auf die Preise drücke, wenig Spielraum bestehe.

Neue Wege bei der Ausbildung geht Larissa Zeichhardt, Geschäftsführerin der LAT Funkanlagen-Service GmbH. Als Familienunternehmen setzt sie, trotz Konkurrenz um Fachkräfte, auf Zusammenarbeit: „Wir nehmen auch Hauptschüler und testen gemeinsam mit DB und BVG den Nachhilfekanal der Youtube Start simple club. Die sprechen die Sprache der Jugendlichen und bieten die Ausbildungsinhalte als Lernvideos an - und zwar so, dass es unseren Azubis Spaß macht. Dank der digitalen Hilfe schaffen auch unsere Hauptschüler die Ausbildung, wie die Abiturienten.“ Außerdem müsse man mit seinen Teams sprechen, so Zeichhardt, und erhalte wichtige Hinweise auf Verbesserungen in Verfahren, von denen am Ende das Unternehmen und auch die Mitarbeiter profitieren. Und: „Wenn wir mehr Frauen in unserer Branche haben wollen, müssen wir mehr Frauen nach Außen präsentieren. Die sind die Vorbilder.“

Was für den Mitarbeiter zähle, sei zwar im Hintergrund das Gehalt, so Frank Iwer, Stabstelle Strategische und Politische Planung, IG Metall Vorstand, aber auch andere Aspekte, die schwerer greifbar sind. Image spiele eine große Rolle. So stünden hochqualifizierte Ingenieure, die Verbrennungsmotoren entwickeln, nun vor der Sinnfrage und die entsprechenden Studiengänge hätten Nachwuchsmangel, weil der Verbrennungsmotor zunehmend in der Gesellschaft abgelehnt werde. Es werde für die Unternehmen in der Automobilindustrie eine große Herausforderung, auf der einen Seite in den alten Geschäftsfeldern Personal abzubauen, gleichzeitig in neuen Geschäftsfeldern hingegen Personal mit anderen Qualifikationen aufzubauen.

Mit dem Start.up „talentista“ bietet Prof. Johanna Bath, Business Management and Strategy, Corporate Finance, ESB Business School, Hochschule Reutlingen, ein Coaching für Frauen zu den Themen Job, Karriere und Lebensplanung. Ein Tool, um Frauen im Beruf zu unterstützen, weil laut Bath Frauen sich anders verhalten als Männer. Aber auch im Hochschulbetrieb muss praxisnah ausgebildet werden. So würden bei der ESB bereits nach einem Studiendurchgang die Lehrpläne angepasst. Sie sehe es mit Freude, dass in manchen technischen Studiengängen bereits über 30 Prozent Frauen studieren. Zudem müsse der Gedanke des lebenslangen Lernens in der Gesellschaft mehr verankert werden

Marc Biadacz, MdB, Arbeitsgruppe Arbeit und Soziales der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, sagte, man werde ab 1 März sehen, was das Fachkräfteeinwanderungsgesetz bringe, denn man muss die Attraktivität Deutschlands und Europas im weltweiten Vergleich betrachten. Biadacz sah noch großes Potenzial bei der Mobilisierung der Kräfte im eigenen Land. Das Thema Weiterbildung und lebenslanges Lernen war für den Bundestagsabgeordneten ebenfalls ein wichtiger Baustein. Mit der Plattform „Milla“ sei ein Internetportal geschaffen worden, das Weiterbildung für jeden Bürger kostenfrei nutzbar mache. Auch die Politik und Verwaltung mahnte Biadacz, sich selbst zu „disrupten“ und mehr online zu denken. Die Politik müsse Vorbild sein.

Pressemeldung DVF

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