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Donnerstag, 16 November 2017 09:33

GDL Bebra: Hochstopfen der Gleise als Lösung zur Bahnsteighöhe

2017 11 16 Steven Kunz2017 11 16b

InterCity am Bahnsteig 9 des Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe. Anhand der unterschiedlichen Färbung des Schotter lässt sich gut erkennen, dass das Gleis wie in der Meldung beschrieben "hochgestopft" wurde. Bildautor: Steven Kunz.

Der Vorstand der Ortsgruppe Bebra der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer begrüßt die durch die Bundesregierung und die Deutsche Bahn vorgesehene Vereinheitlichung der Bahnsteighöhen, sieht jedoch auch erhebliche Probleme bei der praktischen Anwendung.

Patrick Rehn, Mitglied des Ortsgruppen-Vorstand: „Für den flüssigen und schnellen Fahrgastwechsel im Berufsverkehr, für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste mit Rollstuhl, Rollator oder Krücken sowie für Reisende mit Gepäck, Kinderwagen und Fahrrädern ist es wichtig, dass der Fußboden des Zuges und der Bahnsteig eine Höhe haben. Dies erleichtert das Aus- und Einsteigen und hilft die Eisenbahn als Reisemittel attraktiv zu machen.“

Die Deutsche Bahn hat in einem Grundsatzpapier vor einigen Monaten eine einheitliche Höhe von 76 Zentimetern für alle neu zu bauenden oder zu sanierenden Bahnsteige vorgeschlagen. In der am vergangenen Freitag zu Ende gegangenen Verkehrsminister-Konferenz der Bundesländer haben sich diese für ein abgestimmtes Konzept zwischen Bund, Bahn und Ländern ausgesprochen um eventuellen Fehlern vorzubeugen.

Rehn verdeutlicht dies an einem Beispiel: „In Deutschland gibt es derzeit vier gängige Bahnsteighöhen, wovon schon drei in Nord- und Osthessen zu finden sind: 38 Zentimeter für jene Stationen an denen die RegioTram hält, 55 Zentimeter wo Nahverkehrszüge wie beispielsweise die cantus halten und 76 Zentimeter für Bahnsteige an denen ICE und InterCity halten wie beispielsweise in Bad Hersfeld, Bebra, Kassel und Fulda. Die höchsten Bahnsteige mit 96 Zentimetern findet man an S-Bahnstrecken in und um Frankfurt, München, Stuttgart, Hamburg und Berlin.“

Rehn schließt zwar aus, dass eine RegioTram, welche als Straßenbahn auch durch die Kasseler Fußgängerzone fährt, zusammen mit einer S-Bahn an einem Bahnsteig halten wird. In Kassel-Wilhelmshöhe stehen sich InterCity und RegioTram jedoch durchaus am selben Bahnsteig gegenüber.

Rehn weiter: „Die neue Höhe von 76 Zentimeter würde besonders in ländlichen Gegenden, wo zumeist neue Fahrzeuge mit einer Höhe von 55 Zentimeter unterwegs sind, dazu führen das immer eine Stufe aus dem Fahrzeug auf den Bahnsteig und umgekehrt bewältigt werden müsste. Für die Betreiber der Fahrzeuge, welche teilweise erst wenige Jahre alt sind, wären zudem entweder teure Umbauten oder sogar Neubeschaffungen notwendig.“

Auch dem Vorschlag des baden-württembergischen Verkehrsminister Hermann sogenannte Hybrid-Bahnsteige mit unterschiedlichen Höhen vorzusehen erweist die GDL Bebra eine klare Absage: „Das könnte dazu führen, dass die Bahnsteige für unterschiedliche Einstiegshöhen mehrere hundert Meter lang sind - obwohl der Zug vielleicht nur 50 oder 70 Meter lang ist. Der Zug müsste dann den Abschnitt ansteuern, in dem die Höhe passend wäre - während die am Bahnsteig wartenden Fahrgäste ihrem Zug hinterherlaufen. Dadurch würden sich abermals die Haltezeiten verlängern und der Zug mit jedem Halt Verspätung ansammeln.“

Das Durcheinander bei den unterschiedlichen Bahnsteighöhen im Verlauf einer Bahnfahrt wurde in den vergangenen Jahren zudem deutlich reduziert. Rehn: „In den vergangenen Jahren wurden durch Bund, Länder und Bahn bereits mehrere Milliarden Euro in die Sanierung und Aufwertung tausender Stationen gesteckt. Hierdurch hat sich die Zahl jener Bahnsteige, an denen man nicht stufenlos in den Zug gelangt erheblich reduziert. Die neuen Bahnsteige mit 55 Zentimetern nun wieder in Frage zu stellen, während andernorts noch unsanierte, teilweise mit Gras bewachsene und nur über steile Treppen erreichbare Bahnsteige zu finden sind mutet da schon wie ein Schildbürgerstreich an.“

Die Kosten für den Umbau auf die neue Höhe würden zudem indirekt durch höhere Ticketpreise abgefangen. Rehn: „Die Inhaber der sanierten Infrastruktur gibt die Baukosten an das Eisenbahnunternehmen weiter, welche für den Halt an der jeweiligen Stationen ein entsprechendes Entgelt zu bezahlen hat. Diese höheren Kosten schlagen sich wiederum im Preis einer Zugfahrt nieder, welche der beauftragende Besteller bzw. Verkehrsverbund beim Fahrgast geltend machen wird.“

Das Ziel, einen Bahnsteig zu finden, an welchem jeder Zug – egal wie hoch oder tief dessen Einstieg ist – halten und in den man stufenfrei einsteigen kann wird sich zwar weitgehend, aber eben nicht überall umsetzen lassen. Rehn: „Dort, wo ein Neu- oder Ausbau noch aussteht muss man schauen, wie die Gesamtsituation der Stationen einer Linie aussieht. Ist bereits der größte Teil der Bahnsteige auf ein einheitliches Maß gebracht wäre ein Bahnsteig mit der neuen Höhe ein störender Faktor. An den großen Bahnhöhen wie Fulda, Bebra, Bad Hersfeld oder Kassel muss man indes schauen, ob und wie weit es möglich ist die Gleissituation optimieren zu können. Wenn an einem Bahnsteig unter Umständen nur Nahverkehrszüge mit 55 Zentimeter Einstiegshöhe halten ist es unserer Auffassung nach unsinnig eine Höhe von 76 Zentimetern vorzuhalten.“

Hierfür wären laut Rehn noch nicht einmal teure Neu- oder Umbauten am Bahnsteig notwendig: „Die Lösung liegt im sogenannten Hochstopfen der Gleise, wie man es seinerzeit in Kassel-Wilhelmshöhe an den Bahnsteigen 7 bis 10 praktiziert hat. Zur Betriebsaufnahme der RegioTram wurden diese Gleise durch das Einbringen und Verdichten von Schotter unter und neben dem Gleis um knapp 20 Zentimeter angehoben, zusätzlich wurde die Höhe der Oberleitung angepasst. So ist es möglich, dass RegioTram und InterCity am selben Bahnsteig halten können. Doch optimal ist die Situation immer noch nicht, denn es müssen weiterhin ein bis zwei Stufen gestiegen werden.“

Die GDL Bebra sieht daher die Bundesländer in der Pflicht: „Diese müssen bei Ausschreibung und Vergabe von Nahverkehrs-Leistungen und eventuell auch kurzfristig darauf hinwirken, dass in allen Personenzügen stets ausreichend Zugbegleiter an Bord sind um dann zur Stelle zu sein, wenn jemand Hilfe beim Ein- oder Aussteigen braucht. Diese haben im durch sie betreuten Bereich die Übersicht, wo jemand eingestiegen ist, was er für Hilfe braucht und wie diese am besten zu leisten ist. Für Bahnhöfe an denen die Reisenden umsteigen wollen können sie dann mitunter entsprechende Hilfe vorbestellen. Auch für Rollstuhlfahrer ist dank der nahezu in allen Nahverkehrszügen vorhandenen Rampen und Hublifte eine Mitfahrt kein Problem mehr. Ein weiterer positiver Nebeneffekt: Die Kolleginnen und Kollegen sorgen alleine durch ihre Anwesenheit und Präsenz schon für Sicherheit und Sauberkeit im Zug, können die Fahrscheine kontrollieren und Informationen geben, und im Störungsfall gemeinsam mit dem Lokführer entsprechende Maßnahmen einleiten und die Fahrgäste betreuen."

Pressemeldung GDL Bebra

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