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Sonntag, 18 August 2019 17:00

Schweden: Hässleholm, das schwedische "Rastatt"

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Fotos Ola Malmberg/Trafikverket.

Ein Feuer in einer Lagerhalle am Bahnhof Hässleholm hat am Abend des 14. August 2019 schwere Schäden an den angrenzenden Gleisanlagen verursacht, die Oberleitungstragwerke sind teilweise eingestürzt, die Gleise verformt. Trafikverket schreibt in ihrer Pressemeldung, es "sieht aus wie in einem Kriegsgebiet".

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Fotos Ola Malmberg/Trafikverket, Annika Canaki.

Der Verkehr durch diesen bedeutenden Knotenpunkt Südschwedens ist voraussichtlich noch bis zum 23. August unterbrochen ("Hafas" weiß jedoch nichts davon): Zwischen Alvesta und Malmö fallen alle Fernzüge komplett aus! Abgesehen vom Nachtzug, der umgeleitet wird, soll der Großteil der Fernreisenden dagegen, wer nicht auf den mit längeren Zügen verstärkten Regelverkehr über Göteborg oder Nässjö - Halmstad mit Umsteigen ausweicht, die 181 km lange Distanz per Nahverkehr und SEV mit Bussen überbrücken. Der Ersatzverkehr besteht aus Regionaltåg (Öresundståg/Krösatåg) bis Osby, von dort SEV bis Höör, und ab dort wieder Regionaltåg (Öresundståg/Pågatåg) bis Malmö/Kopenhagen. Die Fahrkarten der SJ sind in den Regionalzügen und den Ersatzbussen gültig.

Nach der Räumung und Bewertung der Schäden am Donnerstag hat die schwedische Transportverwaltung nun die erforderlichen Arbeiten zur Wiederherstellung der Eisenbahn begonnen. Normalerweise dauert es Jahre, bis allein die Planung abgeschlossen ist, und der Bau dann Wochen oder Monate, je nach den Bedingungen. Aber jetzt muss die Eisenbahn so schnell wie möglich wiederhergestellt werden. Der Bauunternehmer von Trafikverket, Strukton, beschäftigt durchschnittlich 30 Personen pro Schicht vor Ort, die daran arbeiten. Die Arbeit wird rund um die Uhr in drei Schichten durchgeführt.

Betrachtung im Kontext

Offenbar braucht jedes Land sein eigenes "Rastatt". Hässleholm heißt aktuell das schwedische Nadelöhr. Eine abgebrannte Lagerhalle legt die Södra Stambanan, die Arterie des schedischen Bahnnetzes, für zehn Tage einfach still. Strategische Ausweichstrecken sind zumindest in den westlich geprägten Ländern aus der Mode gekommen und wurden in den letzten drei Jahrzehnten meist abgebaut. Vielleicht merkt man nun, dass sie doch ganz nützlich sein können. Selbst in Österreich regt sich ein zartes Pflänzlein des Umdenkens, das der 2018 begonnene Abbau des Mittelstücks der Donauuferbahn über Persenbeug ein Fehler war, wenn die Westbahn mal dicht sein sollte.

Warum in Schweden nur der Nachtzug, nicht aber wenigstens einen Teil des Fernverkehrs Stockholm - Malmö über die Kurve Göteborg umleitet wird, erschließt sich nicht - es sei denn, eine "alles-egal"-Mentalität ist die Erklärung. Als "Alternative" wird von den SJ dafür doch wirklich auch auf Bus, Auto, Flugzeug verwiesen ... In Polen würde man dagegen bei so einem Fall den Fernreiseverkehr auch über längere Strecken, gegebenenfalls sogar mit Dieselvorspann, per Umleitung bewerkstelligen; man bräuchte zwar länger, käme aber bequem und direkt ans Ziel.

Wäre heute wenigstens die Strecke Nässjö - Värnamo - Halmstad elektrifiziert, könnte der Umweg immer noch vergleichsweise harmlos ausfallen und durchgehende Züge verkehren. Für den überregionalen Güterverkehr wäre das dauerhaft von Nutzen. Blickt man ins schwedische Kursbuch von 1966, wäre früher kein so großer Umweg nötig gewesen, die Züge hätten stattdessen von Nässjö aus über die damalige KBS 245 Värnamo - Markaryd - Kärreberga (- Astorp) umgeleitet werden können.

Die Strecke Kärreberga - Värnamo (Skåne–Smålands Järnväg/SSJ, 1940 verstaatlicht) wurde aber 1968 stillgelegt und nach abschnittsweisem Rückzug des Güterverkehrs zwischen 1990 und 2010 großteils abgebaut, nur eine Teilstrecke ist noch museal genutzt. Gäbe es die "SSJ" noch, wäre sie mit vorausgesetzter Modernisierung inklusive Elektrifizierung aufgrund ihrer Parallellage zur Södra Stambanan eine gute Alternative, vermutlich hätte man inzwischen Schwedens Nord-Süd-Güterverkehr vom Fernreiseverkehr getrennt und hierauf verlagert.

Doch möglicherweise wird sie eines Tages "wiederauferstehen", denn es gibt die Idee der "Europabanan", einer Hochgeschwindigkeitsstrecke über Värnamo, die genau diesen Korridor der SSJ aufgreift und von Stockholm über Linköping - Jönköping - Värnamo - Ljungby - Helsingborg nach Malmö bzw. über Helsingör - Kopenhagen weiter nach Deutschland führen soll. Bis dahin wird es zeitlich noch ein weiter Weg sein, auch die Streckenführung ist umstritten. Und wahrscheinlich brennt bis zur Inbetriebnahme in einigen Jahrzehnten auch noch mal ein Stellwerk, Fahrzeug oder der schwedische Wald.

Hans-Jürgen Schulz

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Letzte Änderung am Sonntag, 18 August 2019 17:18

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