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Montag, 28 Oktober 2019 10:10

Österreich: Behindertenverbände sehen ÖBB-Kampagne "Pass auf dich auf" diskriminierend für Menschen mit Behinderungen

Die vor wenigen Wochen gestartete ÖBB-Kampagne "Pass auf dich auf" erregt vermehrt Unmut. Darin werden Menschen mit Behinderungen zur Abschreckung verwendet, um Jugendlichen die Gefahren auf Bahnhöfen näher zu bringen.

"Grundsätzlich ist jede Kampagne – die gut gemacht ist – wichtig, wenn sie das Bewusstsein zur Vermeidung von unnötigen Gefahren hebt", so Martin Ladstätter (Obmann vom Behindertenberatungszentrum BIZEPS).

Doch die persönlichen und auch in social media nachlesbaren Reaktionen auf die aktuelle ÖBB-Kampagne zeigen klar: Behinderte Menschen sind irritiert und fühlen sich teilweise auch diskriminiert.

Schon im Jahr 2006 gab es eine ähnliche Kampagne des Verkehrsministeriums („Hier war Alkohol im Spiel“). Exemplarisch nutzte ein Rollstuhlfahrer seine Rechte gemäß dem Behindertengleichstellungsgesetz. Er brachte eine Schlichtung (eine rechtlich normierte Vorstufe einer Klage) ein. Damals gelang umgehend, dass dieses Sujet nicht mehr verwendet wurde, eine Entschuldigung erfolgte und immaterieller Schadenersatz bezahlt wurde.

"Wir erwarten von der ÖBB, dass sie diese diskriminierende Kampagne umgehend stoppt", so Ladstätter und er führt aus: „2019 noch mit behinderten Menschen schocken zu wollen ist keine sinnvolle Maßnahme der Inklusion, wie sie die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen vorgibt.“

Es wurde daher eine offizielle Beschwerde beim Österreichischen Werberat eingebracht.

Pressemeldung BIZEPS - Behindertenberatungszentrum

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Behindertenanwalt Hofer übt Kritik an der aktuellen ÖBB-Kampagne „Pass auf dich auf“. Die Kampagne wird von einer Vielzahl von Menschen mit Behinderungen als problematisch empfunden, da sie Menschen mit Behinderungen als abschreckendes Beispiel verwendet, um Jugendliche vor Gefahren auf Bahnhöfen zu warnen und von riskantem Verhalten abzuhalten.

Wenngleich es sich bei der Warnung vor und der Vermeidung von riskantem Verhalten auf Bahnhöfen dem Grunde nach um ein wichtiges Anliegen handelt, so ist die abwertende Art der Darstellung von Menschen mit Behinderungen, die durch die aktuelle Kampagne vermittelt wird, aufs Schärfste zurückzuweisen.

Die ÖBB sollten die Verwendung dieses diskriminierenden Sujets daher umgehend einstellen und die Kampagne in anderer Weise fortsetzen.

„Diese Darstellung von Menschen mit Behinderungen durch die ÖBB ist verstörend. Im Sinne der Inklusion sollte dringend davon Abstand genommen werden, Behinderungen in einem derart negativen Kontext darzustellen. Gerade die ÖBB als staatliches Unternehmen sollten sich ihre Vorbildfunktion bewusst sein und diese verantwortungsvoll erfüllen“, so Hofer.

Pressemeldung Büro des Anwalts für Gleichbehandlungsfragen für Menschen mit Behinderungen

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„Abkürzungen über Bahngeleise sind lebensgefährlich“ steht auf Plakaten der ÖBB - um dies darzustellen, sieht man z.B. eine junge Frau mit Beinprothese oder einen Mann im Rollstuhl.

Selbstbestimmt Leben Österreich - SLIÖ kritisiert, dass die ÖBB mit dieser Kampagne die Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderungen ausnützt und verstärkt. „Wir sind schockiert, in dieser Kampagne werden wir als Opfer eines Fehlverhaltens dargestellt, wodurch ein verfälschtes Bild in der Gesellschaft verbreitet wird!“

Das Bemühen der ÖBB gegen Unfälle und unnötigen Leichtsinn anzukämpfen ist prinzipiell anzuerkennen. So soll die Zielgruppe der Kampagne, vermutlich Jugendliche, geschult werden. Bewusstseinsbildung! – Ja, aber nicht mit dieser verkehrten Art, sich längst überholter Vorurteile zu bedienen.
So werden weder konkrete Sicherheitsvorkehrungen getroffen, noch gezeigt, wie mit Unfällen umgegangen und gelebt werden kann.

Dabei widerspricht sich die ÖBB hier faktisch selbst; bei veralteten Bahnstationen ist viel zu häufig als einziger stufenloser Weg das „Queren der Gleise“ vorgesehen.

Längst überfällig ist die Umsetzung des Maßnahmenkatalogs zum Eisenbahnverkehr. Sehr viele kleine Bahnhöfe und altes, wie neues Wagenmaterial sind noch immer nicht gleichberechtigt barrierefrei. In erster Linie ist ein aktualisierter Etappenplan dringend in den laufenden Regierungsverhandlungen zu verankern und zügig umzusetzen. Nur so können die besonders im ländlichen Raum oft ausgrenzenden Angebote und gefährlich Situationen auf Bahnsteig-Zugängen beseitigt werden.

SLIÖ fordert, diese Kampagne sofort einzustellen.

Auch der österreichische Werberat, der für Kontrolle und Unterlassung gesetzwidriger und menschenverachtender Werbung zuständig ist, wird aufgerufen, sensibler auf diese diskriminierenden Werbebotschaften zu achten, um künftig in Österreich solche "Entgleisungen" zu vermeiden.

Pressemeldung SLIÖ

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