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Freitag, 10 Januar 2020 07:10

Großbritannien: South Western Railway könnte den laufenden Verkehrsvertrag verlieren

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Archivbilder SWR: Rüdiger Lüders.

Die South Western Railway (SWR) gab jetzt bekannt, dass sie mit der Regierung über die Zukunft des Verkehrsvertrages für das sog. "South Western Franchise" verhandelt, der 2024 auslaufen soll, nachdem die Gesellschaft im vergangenen Geschäftsjahr einen Verlust nach Steuern von 136,9 Mio. GBP (ca. 161 Mio. EUR) zu verzeichnen hatte.

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SWR betreibt den Personenverkehr auf den Strecken zwischen London Waterloo, Reading, Bristol, Exeter, Weymouth und Portsmouth sowie die sog. "Island Line" auf der Isle of Wight. Die britische FirstGroup und das in Hongkong ansässige Unternehmens MTR erhielten die Lizenz im August 2017, nachdem sie den vorherigen Betreiber Stagecoach unterboten hatten.

Das Tochterunternehmen von FirstGroup und MTR erklärte dazu, dass SWR im vergangenen Jahr ständig von Streiks und der Unzuverlässigkeit der Infrastruktur betroffen war. Der SWR-Betrieb wurde im Dezember 2019 durch eine Reihe von Streiks über die Zukunft der Zugbegleiter (engl.: "Guards") für insgesamt 27 Tage unterbrochen. 

Gespräche mit dem Verkehrsministerium (Department for Transport, DfT) könnten zu einem neuen Vertrag oder einer vorzeitigen Kündigung des laufenden Vertrags innerhalb der nächsten 12 Monate führen. Ein Sprecher des Eisenbahnunternehmens sagte: "Die Leistungsfähigkeit von SWR wurde durch Probleme wie die Unzuverlässigkeit der Infrastruktur, Verspätungen bei der Planung und schließlich die Arbeitskampfmaßnahmen von RMT beeinträchtigt.

Die Gewerkschaft RMT entgegnete darauf, die Firma sollte sofort von dem Franchise freigestellt werden, um einen "chaotischen Zusammenbruch" zu vermeiden. RMT-Mitglieder waren in den vergangenen zwei Jahren an mehreren Streiks beteiligt, als das Management von SWR versuchte, den Betrieb der Züge vollständig auf Ein-Mann-Bedienung umzustellen und die "Guards" somit von ihren Aufgaben zu entbinden.

Mick Cash, der Generalsekretär der RMT, erklärte dazu: "Anstatt zuzulassen, dass die South Western Railway ins Chaos stürzt, verlangt RMT, dass der bestehende Betreiber so schnell wie möglich aus der Franchise entlassen wird und der öffentliche Sektor den Betrieb wieder übernimmt. Andernfalls droht, dass Großbritanniens größtes Eisenbahn-Franchise-Unternehmen sprichwörtlich gegen einen Prellbock fährt und dies für Passagiere und Mitarbeiter gleichermaßen schwerwiegende Folgen hat. Dies alles geschieht nur einenTag, nachdem der neue Geschäftsführer von SWR, Mark Hopwood, offen damit gedroht hat, Hunderte von RMT-Gewerkschaftsmitgliedern zu entlassen und eine neue Armee von Mitarbeitern einzustellen, die seine Forderungen nach weniger Sicherheit aus Kostengründen erfüllen wird. Anstatt unsere Mitglieder zu bedrohen, sollte das SWR-Management seine Sachen packen, die Schreibtische räumen und einem öffentlichen Betreiber Platz machen, bei dem Sicherheit und Servicean erster Stelle stehen."

Kommentar

Im Grunde genommen ist die Privatisierung und Umstellung auf das Franchise-System im Vereinigten Königreich gescheitert. Mit der Bahnreform in den 1990er Jahren wurden zunächst der Eisenbahnbetrieb, soweit zutreffend die Gewinne daraus und das vorhandene Rollmaterial privatisiert, also auch ein grosser Teil des Staatsvermögens an private Nutzniesser übertragen ("Tafelsilber" wäre hier wohl nicht der richtige Ausdruck, da die meisten Fahrzeuge vor 25 Jahren schon deutlich überaltert waren und ersetzt werden mussten, was bis heute andauert.)

Jetzt, 25 Jahre später, zeigt sich, dass ohne staatliche Eingriffe und Unterstützung die meisten "privaten" Betreiber nicht überlebensfähig sind. Der Ausstieg von National Express, Virgin Trains mit Stagecoach und bald - möglicherweise - auch Northern und South Western Railway sind dabei nur die für die grosse Öffentlichkeit deutlich vernehmbaren Paukenschläge.

Als nicht wirklich gelungen darf man auch die jeweils eine ganze Region betreffenden Neuvergaben in Schottland und Wales bezeichnen, erstere hat dazu geführt, dass der Vertrag mit Abellio für ScotRail nicht verlängert wird, und in Wales ist grosser Unmut bei den Fahrgästen zu vernehmen, dass auch ein Jahr nach den vollmundigen Ankündigungen, mit "Transport for Wales" würde bald alles besser laufen als bei der unbeliebten (deutschen) Bahngesellschaft Arriva, die Züge noch immer überfüllt, häufig verspätet und in letzter Zeit wegen fehlender Personale sogar ganz ausgefallen sind.

Nur durch den (fast gesetzeswidrigen) Weiterbetrieb der ungeliebten "Pacer" kann TfW, insbesondere im Berufsverkehr, überhaupt noch den Betrieb landesweit sicherstellen. Zudem hat vor einigen Tagen ein Diebstahl von Signalkabeln im Raum Cardiff zu grossen Beeinträchtigungen des Zugverkehrs in ganz Wales geführt; ebenfalls ein Umstand, der immer wieder bei Betriebsstörungen der Eisenbahn in Grossbritannien festzustellen ist ...

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Quellen BBC, FT, Guardian, RMT

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Letzte Änderung am Freitag, 10 Januar 2020 07:24

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