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Freitag, 10 Januar 2020 11:00

Frankreich: SNCF könnte nach dem Streik Vermögenswerte verkaufen müssen

Um wie geplant am Ende des Fünfjahreszeitraums 2022 ein "wirtschaftliches Gleichgewicht" zu erreichen, erwägt die am 01.01.2020 in mehrere Aktiengesellschaften überführte SNCF den Verkauf von Vermögenswerten, kündigte der Präsident und Generaldirektor des Bahnkonzerns Jean-Pierre Farandou in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview mit Paris Match an.

Im Frühjahr 2018 hatte der Streik dazu geführt, dass der Gewinn der SNCF von 1,5 Mrd. im Jahr 2017 auf 141 Mio. EUR gesunken ist. Die Regierung hatte dann im Mai 2019 eine "goldene Regel" angekündigt, um "übermäßige Verschuldung" insbesondere durch neue Hochgeschwindigkeitsprojekte zu verbieten, wobei sie von einer "wirtschaftlichen Ausgewogenheit" der SNCF vor 2022 sprach, als Gegenleistung für die Übernahme eines Teils der Schulden von SNCF Réseau durch den Staat.

Was die Kosten des Streiks gegen die Rentenreform seit dem 5. Dezember betrifft, "gibt es zunächst die direkten Kosten der Tätigkeiten, die wir nicht durchführen konnten, alle Tickets, die wir nicht verkauft haben, alle Tonnen Fracht, die wir nicht transportiert haben. Das sind rund 20 Millionen Euro pro Tag", erinnerte Jean-Pierre Farandou. "Wir werden bald über 700 Millionen Euro Umsatzverlust haben", beklagte er. Die Geschäftsleitung der SNCF hält es im Moment aber noch für verfrüht, die finanziellen Auswirkungen eines noch nicht beendeten Konflikts genauer zu quantifizieren.

"Im TGV (...) sind wir zuversichtlich, dass die Fahrgäste in Scharen zurückkehren werden. Kunden, die nicht in der Lage waren, zu reisen, haben eine Rückerstattung erhalten", stellte er fest. Bei den regionalen TER hingegen "organisieren sich die Menschen für ihre regionalen Fahrten anders, indem sie Fahrgemeinschaften bilden oder den Bus nehmen" und einige von ihnen kehren vielleicht nicht mehr zum Zug zurück. "Dann wissen wir, dass unser Image beschädigt ist", beklagte der SNCF-Chef.

Sehr schlimm sieht es dagegen im Güterverkehr aus. Hier reichen schon 10 Prozent streikende Stellwerker aus, um einen Zug, der zehn Stellwerke passieren muss, lahmzulegen. Um die Hauptnutzer des Güterverkehrs nicht zu benachteiligen, hat die SNCF ein System eingerichtet, das den Industriezweigen Vorrang einräumt, die ohne den Schwerlastverkehr nicht funktionieren können: Stahl, Chemie, Automobilwerke.

Das führt allerdings dazu, dass andere Aktivitäten wie Huckepackverkehr oder Eisenbahnautobahnen (Lkw-Anhänger werden auf Waggons gesetzt) noch stärker betroffen sind. Infolge des Konflikts geraten mehrere Projekte, die für die von der Regierung vorgeschlagene Wiederbelebung des Güterverkehrs stehen, wie z.B. der Bau neuer Eisenbahnautobahnen zwischen Nordfrankreich und Italien oder der spanische Grenze, in Verzug. Auch das sehr politische Thema des Frühwarnzuges Perpignan - Rungis, der Mitte Dezember 2019 durch ein Huckepack-System des privaten Betreibers Novatrans wieder in Betrieb genommen werden sollte, ist ebenfalls zum Stillstand gekommen.

In dieser komplizierten Situation befindet sich der französische Schienengüterverkehr in einem großen Umbruch: Im Rahmen der Bahnreform verließ Fret SNCF zum 01.01.2020 seine Mutter SNCF Mobilités und wurde eine Tochtergesellschaft der SNCF-Muttergesellschaft, mit eigener Buchhaltung, eigener Verantwortung und eigenem Risiko, einschließlich des Konkurses. Mit einer Verschuldung von 5 Mrd. EUR belastet, hat Fret SNCF 2018 einen Verlust von 170 Mio. EUR erlitten, vor allem durch den großen Frühjahrsstreik gegen die Bahnreform. Im Jahr 2019 soll der Verlust nach einer internen Quelle wieder deutlich über 100 Mio. EUR liegen.

Vor dem Schritt der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft war Fret SNCF mit 170 Mio. EUR Kapital ausgestattet. Aber wenn man die Höhe der Verluste in den letzten zwei Jahren misst, scheint es offensichtlich, dass die Situation kritisch wird. Dem muss Fret SNCF mit einem soliden Businessplan und kundenspezifischen Anwendungen entgegen wirkem.

Auch die Regierung drängt zum Handeln und erwartet Zugeständnisse der EU. "Es soll ein nationaler Plan für den Güterverkehr erstellt werden", erklärte der Staatssekretär für Verkehr Jean-Baptiste Djebbari am 7. Januar in einem Schreiben an die CGT-Cheminots. Brüssel muss dazu gebracht werden, einem Auffangen der Schulden von Fret SNCF bei der Muttergesellschaft SNCF zuzustimmen. "Frankreich wird alles tun, um von der Priorität zu profitieren, die die neue Europäische Kommission dem umweltfreundlichsten Verkehrsmittel einräumt", betont Herr Djebbari.

WKZ, Quelle Le Monde, 20 Minutes

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