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Freitag, 06 März 2020 09:34

Frankreich: Pressekonferenz zum TGV-Unfall - Fehlerhafte Konstruktion der Böschung?

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Fotos SNCF.

Auf einer Pressekonferenz am 05.03.2020 erläuterte SNCF-Chef Jean-Pierre Farandou noch einmal das Geschehen zur TGV-Entgleisung am Donnerstag. Drei Personen wurden bei dem Unfall verletzt: der Triebfahrzeugführer des TGV, der Zugchef, der im ersten Wagen saß, und ein Passagier mit leichten Gesichtsverletzungen. Achtzehn Passagiere wurden von den Rettungsdiensten versorgt, sie hatten aber nur einen psychologischen Schock erhalten.

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"Ich habe ein sehr starkes Mitgefühl mit den Fahrgästen und unsere Kollegen an Bord", sagte Jean-Pierre Farandou, der sich so schnell wie möglich zur Unfallstelle begeben hatte, begleitet von Luc Lallemand, Generaldirektor von SNCF Réseau, und Stéphanie Dommange, Regionaldirektorin der SNCF Grand-Est. "Ich möchte die außergewöhnliche Reaktion aller Rettungsdienste und Eisenbahner an Bord begrüßen. Eine enorme Anzahl von Menschen wurde sehr schnell mobilisiert".

Der Triebfahrzeugführer wurde mit dem Hubschrauber in ein Krankenhaus gebracht. Es besteht keine Lebensgefahr. "Er hat sich bewundernswert verhalten. Er hat nach dem Schock die Ruhe bewahrt und die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen", erklärte Jean-Pierre Farandou, der ihn im Krankenhaus besuchte und mit ihm sprechen konnte. Der Zugchef, der an Rückenschmerzen leidet, wurde in Saverne in ein Krankenhaus eingeliefert.

Die 348 Fahrgäste des TGV wurden betreut und dann mit dem Bus zum Ingenheimer Gemeindehaus gebracht, wo eine psychologische Betreuung eingerichtet wurde. Sie wurden dann nach Strasbourg gebracht, wo ein Zimmer für Verwandte und Familienmitglieder zur Verfügung stand, oder zurück nach Paris.

Die Fakten: Was wir wissen

Der TGV, der zum Zeitpunkt des Aufpralls mit einer Geschwindigkeit von ca. 270 km/h auf einem LGV unterwegs war, fuhr nicht mit überhöhter Geschwindigkeit.

Der Unfall wurde mit einem großen Erdrutsch auf einem Hang entlang der Strecke in Verbindung gebracht. Die Böschung brach auf einer Länge von etwa 60 m und auf etwa zwei Drittel ihrer Gesamthöhe (22 Meter) ein und stellte damit ein Hindernis auf der Strecke dar. Der Zug prallte gegen den Erdhügel, wodurch die Lokomotive und die vier führenden Wagen von der Strecke abkamen.

Die Konstruktion des TGV mit seinen acht miteinander verbundenen Passagierwagen, die dem Zug mechanische Steifigkeit verleihen, ermöglichten es dem Zug, aufrecht zu bleiben.

Bei den fünf Zügen, die dem TGV-Unfall vorausfuhren, wurden keine Gleisanomalien festgestellt.

Seit ihrer Inbetriebnahme im Dezember 2016 wird die Erdstruktur überwacht, wobei bisher keinerlei Risiken bemerkbar waren:
• Eingehende Inspektionen (die letzte fand im Dezember 2018 statt);
• Hubschrauberflüge (der letzte fand im November 2019 statt);
• Untersuchung auf periodische Erdbewegungen (die letzte fand am 8. Februar 2020 statt).

Die sofortige technische Untersuchung, die von der Audit-Abteilung der SNCF eingeleitet wurde, sowie die von der BEA-TT eingeleitete Untersuchung werden es ermöglichen, die genauen Umstände dieses Unfalls zu ermitteln. Als Vorsichtsmaßnahme und ohne die Ergebnisse der Untersuchungen abzuwarten, hat SNCF Réseau beschlossen, eine verstärkte Überwachungskampagne ähnlicher Strukturen auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke LGV Est Européenne durchzuführen.

Auswirkungen auf den Fahrplan

Die Hochgeschwindigkeitsstrecke LGV Est Européenne ist zwischen Saverne und Vendenheim für den Verkehr gesperrt, um die Böschungsverstärkung und die Gleisreparaturarbeiten zu ermöglichen. Experten sind vor Ort, um das Ausmaß der Schäden zu beurteilen und die provisorischen Maßnahmen zur Wiederherstellung des Verkehrs zu bewerten. Die Arbeit, deren Dauer noch nicht feststeht, wird sicherlich mehr als eine Woche dauern.

Der gesamte TGV-Verkehr zwischen Paris und Straßburg wird auf die konventionelle Strecke zwischen Vendenheim und Baudrecourt umgeleitet, was eine Verlängerung der Fahrzeit um 45 Minuten bedeutet.

Kritik von Gewerkschaftsseite

Der Fernsehsender RTL zitiert Bernard Aubin, Generalsekretär der Eisenbahnergewerkschaft First: "Man muss wissen, dass es Erdrutsche gibt. Aber es gibt immer noch einen bemerkenswerten Unterschied: Der Betrieb einer Hochgeschwindigkeitsstrecke darf auf keinen Fall Raum für Erdbewegungen lassen. Was auf einer konventionellen Linie toleriert werden könnte, zum Beispiel eine Schlammlawine, kann auf einer Neubaustrecke nicht toleriert werden. Dieser Unfall wirft also eine Reihe von Fragen auf."

"Wenn es eine Schlammlawine ist, warum ist sie dann niedergegangen? Wurde die Plattform wirklich gut gebaut? Wurden bei der Konstruktion alle Risiken berücksichtigt?" Bernard Aubin wundert sich und urteilt: "Ein solcher Unfall ist untragbar. Diese Strecke stammt aus dem Jahr 2016, ist also im Eisenbahnjargon relativ jung. Ist es ein Konstruktions- oder Wartungsproblem? Es gibt noch weitere Fragen, die den Bau der Strecke selbst betreffen".

Konnte der Triebfahrzeugführer irgendwie wissen, dass es ein Problem gab? "Es gibt Sensoren, um sich gegen eine gewisse Anzahl von Risiken zu schützen. Es ist klar, dass der Erdrutsch ein Risiko ist, das nicht eintreten darf, weil man damit rechnen muss".

WKZ, Franz A Roski, Quelle SNCF, RTL

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Letzte Änderung am Freitag, 06 März 2020 10:06

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