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Mittwoch, 03 Juni 2020 08:56

Frankreich: Keolis - Wie konnte es dazu kommen?

Le Monde spricht vom Paukenschlag, Les Echos von einer Intrige: Nur vier Monate nach seiner Ernennung zum Chef von Keolis und inmitten der Korona-Krise wurde Patrick Jeantet vom Keolis-Aufsichtsrat wegen "strategischer Differenzen" wieder entlassen. Wie kann ein Unternehmen, das 68.500 Mitarbeiter in 15 Ländern beschäftigt und 3,4 Mrd. Fahrgäste pro Jahr befördert, riskieren, so anfällig zu werden? Beide Zeitungen sprechen von einem autokratischer Führungsstil Jeantets, aber auch von andauernden Rivalitäten zwischen Patrick Jeantet und SNCF-Chef Jean-Pierre Farandou.

Patrick Jeantet stand von 2016 bis 2019 an der Spitze von SNCF Réseau und hatte Anfang 2020 die Leitung von Keolis übernommen, nachdem Jean-Pierre Farandou als Nachfolger von Guillaume Pepy im Herbst 2019 Chef der SNCF wurde. Aktionäre von Keolis sind die SNCF (70% des Kapitals) und die Caisse de dépôt et placement du Québec (30%). Keolis ist eines der großen Unternehmen im Bereich des öffentlichen und regionalen Verkehrs (U-Bahn, Zug, Bus, Straßenbahn, Reisebus, Spezialtransporte, Parken, Radfahren), das große französische Stadtnetze - Lille, Lyon, Bordeaux, Rennes - in mehr als 70 Städten Frankreichs betreibt und in etwa 15 Ländern vertreten ist, darunter Wales, Australien, die Vereinigten Staaten, Schweden und andere.

Patrick Jeantet hatte drei Ernennungen gegen den Aufsichtsrat durchgesetzt: einen Marketingdirektor und anerkannten Bahnspezialisten, Jean Ghedira, Marc Berthod als Kommunikationsdirektor und eine Industriedirektorin. Jeantets Sturheit, mit der er der vom Aufsichtsrat festgelegten strategischen Zielrichtung widersprach, führte einerseits zu Konflikten mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Joël Lebreton, der sich oft vor vollendete Tatsachen gestellt sah, andererseits drohten einige unabhängige Aufsichtsratsmitglieder mit Rücktritt.

Joël Lebreton, ehemaliger Chef des Hauptkonkurrenten Veolia, hatte laut Les Echos ein durch "die Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden geprägtes Profil, wobei er große Straßenbahnverträge in Nantes, Straßburg oder Grenoble unterzeichnet hat", während Patrick Jeantet trotz einer öffentlichen Beteiligung von 70% an Keolis "eher im privaten Lager" angesiedelt war.

Für mehrere Jeantet-Anhänger klingt diese Entlassung vor allem wie eine Revanche von SNCF-Chef Jean-Pierre Farandou - die beiden Männer standen vor allem im Wettbewerb um die Nachfolge von Guillaume Pepy an der Spitze der SNCF. "Die Regierung, die sich für Farandou entschieden hatte, wollte, dass Patrick Jeantet an der Spitze von SNCF Réseau bleibt", erklärt ein von Le Monde interviewter Zeuge. "Aber Jeantet könnte bereits Zweifel an der Möglichkeit gehabt haben, direkt mit dem neuen Chef zu arbeiten. Also nahm er das Angebot an, zu Keolis zu gehen, das nicht direkt im Schoß der SNCF liegt."

Die beiden Männer haben sich schon bei mehreren Gelegenheiten gegenüber gestanden. Patrick Jeantet hatte 2016 die Leitung von SNCF Réseau übernommen, nachdem der von der Regierung vorgeschlagene Jean-Pierre Farandou von der Eisenbahn-Regulierungsbehörde Arafer abgelehnt wurde, weil Farandou der SNCF zu nahe stand. Drei Jahre später - 2019 - standen sie erneut im Wettbewerb, doch diesmal hatte Herr Farandou die Position als Nachfolger Pepys gewonnen.

Die Entlassung dürfte die Situation von Keolis nicht verbessern, das durch die Coronavirus-Krise geschwächt ist und "ziemlich drastische Sparpläne" plant. Im Moment befindet sich Keolis, wie viele Unternehmen, mitten in den Verhandlungen mit Banken, um das Jahr in Bezug auf die Finanzen zu bewältigen. "Wir haben Bargeld, das bis Ende Juni reicht", sagte Jeantet Ende April.

"Intern sind die Teams entsetzt", fügt ein Manager gegenüber Le Monde mit Hinweis auf den kommenden Wettbewerb hinzu. "Unsere Konkurrenten, Transdev und RATP Dev, reiben sich die Hände. Es brennt in den Regionen."

WKZ, Quelle Les Echos, Le Monde

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