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Donnerstag, 09 November 2017 07:20

Österreich: Regional-Stadtbahn nicht einer Straßenbahn opfern

SPÖ-Bürgermeisterkandidat Bernhard Auinger hat vor einigen Wochen, sehr hoffnungsfroh, die "Messestadtbahn mit Verlängerung bis Mirabellplatz" angekündigt, die er kurzfristig realisieren will. In einer Pressekonferenz wurden leider die Ergebnisse der ERB-Machbarkeitsstudie 2015 auf den Kopf gestellt und die längst abgeschlossen geglaubte Straßenbahn-Diskussion wieder aufgewärmt. Diese hat nämlich der Stadt Salzburg und ihren Bürgern einen acht Jahre langen Planungsstillstand und immer stärker werdenden STAU beschert.

Korridoranalyse ERB MBS 2015 1

Eigentlich kann niemand wirklich einer Verlängerung dieses Stillstandes zustimmen. Der öffentliche Nahverkehr ÖPNV ist eine extrem komplexe und vernetzte Materie, besonders wenn es um ein so leistungsfähiges System geht, wie die Regionalstadtbahn, eine Alternative zu 50.000 Pkw-Fahrten pro Tag zu schaffen. 50.000 Pkw-Fahrten entsprechen dem Ziel, den Modal Split (Anteil des ÖPNV im Gesamtverkehr) in der Stadt Salzburg auf über 20% anzuheben. Dafür könnte das Land Salzburg umgehend eine "Nahverkehrs-Planungs-, Finanzierungs- und Errichtungsgesellschaft" installieren, in der professionelle Tiefbauingenieure, Verkehrsplaner, Eisenbahn- und Projekt-Manager aktiv sind.

Das Märchen von der "billigeren Straßenbahn"

2015 wurde das Ergebnis zur Machbarkeitsstudie für die Euregio-Bahn (ERB-MBS)1 vorgestellt. Nach einer umfassenden Verkehrserhebung in Salzburg, Oberösterreich und im benachbarten Bayern, wurden in der sog. "Korridoranalyse" die Größenordnungen der zu erwartenden Verkehrsströme erhoben2. Darin gelten ALLE 24 Korridore als eisenbahnwürdig! Damit wird auch eine Innenstadt-Durchfahrt notwendig, die mehr als 15.000 Fahrgäste pro Stunde (Hauptverkehrszeiten) befördern kann. Daher scheidet die Straßenbahn schon aus Kapazitätsgründen aus.

Weiters kann eine Straßenbahn nicht mit einem bestehenden Eisenbahnsystem kombiniert werden (max. Zuglänge in der Stadt 75 Meter, Spurkranz in Straßenbahn-Spurrille reduziert Geschwindigkeit, wegen Entgleisungsgefahr, etc.). Abgesehen davon, dass in Salzburg weit und breit keine Trasse für die Straßenbahn zu finden ist, die Busspur-Diskussion beweist das, würde die offene Baustelle 3-5 Jahre die historische Innenstadt, entlang der ganzen Strecke auf beiden Salzachufern, massiv beeinträchtigen. Für den Tunnel benötigt man lediglich einen Startschacht beim Nelboeck-Viadukt und in der Akademiestraße und sonst nur bei den Haltestellenzugängen.

Im Gegensatz zu einer Straßenbahn ist eine Regionalstadtbahn eine vollwertige Eisenbahn, die für die innerstädtischen Trassen speziell adaptiert ist. Sie ist aber in erster Linie eine Eisenbahn, wie das Vorbild der Salzburger Lokalbahn zeigt. Die SLB ist eine klassische Regionalstadtbahn! Die klare Systemdefinition ist auch die absolute Voraussetzung für Finanzierungsverhandlungen mit dem Bund.

Vergleich Finanzierung RSB Strab 091117

Die Republik Österreich finanziert Schienenverkehrs-Infrastrukturprojekte mit 50%, wenn der jeweilige Eigentümer des Eisenbahn-Verkehrsunternehmens mindestens weitere 30% mitfinanziert. Da der Bund selbst Eigentümer der ÖBB ist, kommen bei den ÖBB 80% Bundeszuschuss zusammen. Für die sog. "Privatbahnen" (richtig: "nicht bundeseigene Eisenbahnen"), wie die Salzburger Lokalbahn, kommt das Privatbahngesetz zur Anwendung. Dabei werden Infrastrukturprojekte der Privatbahnen, im jeweiligen "MIP" (mittelfristiges Infrastruktur- Programm, aktuell bis 2019) mit 50% durch den Bund bezuschusst.

Für eine Straßenbahn bezahlt der Bund keinen einzigen Cent!

Damit kommt es zur kuriosen Situation, dass in Salzburg die Finanzierung eine oberirdische Straßenbahn, für die Stadt und das Land jeweils mindestens um 25 Millionen Euro teurer kommt, als die wesentlich leistungsfähigere Regionalstadtbahn im Tunnel. Damit ist das Märchen der "billigeren Straßenbahn" widerlegt.

Zukunftsweisendes Obusnetz als Ergänzung zur RSB, Vorlaufbetrieb mit Doppelgelenk-Obussen

Das geniale Verkehrssystem "Obus" bzw. "Trolleybus" ist seit über 100 Jahren seiner Zeit technologisch voraus. Selbst im auslaufenden Erdöl-Zeitalter hat es der Straßenverkehr bis heute noch nicht geschafft, ein effizientes Verkehrsmittel zu schaffen, in dem die Antriebsenergie nicht gewichtsintensiv und platzraubend mitgeschleppt werden muss. Der Schienenverkehr hat mit der Elektromobilität in Salzburg bereits vor 108 Jahren mit der "Roten Elektrischen", der Salzburg Lokalbahn durch die Stadt begonnen, als im Haushalt noch Kerzen und Kienspan dominierten und die Straßenbeleuchtung mit Gas betrieben wurde.

In Salzburg wurde das System "Obus" bis zur Perfektion weiterentwickelt. Die heutigen Batteriebus-Experimente mit Kleinbussen sind von einem leistungsfähigen alltagstauglichen Dauerverkehr noch weit entfernt. Trotzdem hat das innerstädtische Obus-System längst die Kapazitätsgrenze erreicht. Weil 1998 die Stadt Salzburg die bestellten gefahrenen Kilometer gedeckelt hat, ist es völlig logisch, mit wesentlich größeren "Gefäßgrößen" zusätzliche Fahrgastkapazitäten zu bewältigen. Damit ist es unbedingt notwendig, sofort für die Linien 1,2,3,4 und 7 mindestens 30 Doppelgelenk-Obusse zu beschaffen. Doppelgelenk-Obusse sind übrigens kürzer als zwei herkömmliche Gelenkwagen, haben aber die gleich Fahrgast-Kapazität! Damit ist auch der Platzbedarf erklärt.

Bis der erste Regionalstadtbahn-Zug im Tunnel verkehrt, vergehen noch einige Jahre, in denen trotzdem die Fahrgaststeigerungen mit Doppelgelenk-Obussen abgefedert werden müssen. Die Politik muss sich bewußt werden, dass das komplexe System ÖPNV sehr viel Geld benötigt. Daran geht kein Weg vorbei und die Zeit drängt! Je länger auf die Regionalstadtbahn im Tunnel gewartet wird, umso schlimmer wird das Verkehrschaos mit den regelmäßigen STAU-Ereignissen!

Die unterzeichnenden Verkehrsinitiativen-Vereine wollen mit dieser gemeinsam erarbeiteten Presse-Information einen konstruktiven Beitrag zur Entscheidungsfindung für eine Verkehrslösung mit der Regional-Stadtbahn geben.

Pressemeldung Die Rote Elektrische, Verkehrsforum Berchtesgadener Land, Lebensraum Mattigtal (ARGE Mattigtalbahn), Austria in Motion

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Letzte Änderung am Donnerstag, 09 November 2017 06:45

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