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Mittwoch, 14 Oktober 2020 11:00

Frankreich: Das Aus für die beiden französischen Pazifiks

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Am 29. August fuhr die 231 G 558 noch einmal von Dieppe nach Rouen und am 26. September zog die 231 K 8 einen von einem Medienunternehmen gecharterten Zug von Paris Nord nach Noyelles und weiter nach Calais. Auf dieser Strecke ist der Abschnitt zwischen Amiens und Rang-du-Fliers (noch) nicht elektrifiziert.

Es stellte sich heraus, dass es für beide Loks die letzten Fahrten vor den bevorstehenden Hauptuntersuchungen waren. Für die 231 K 8 war am 17. Oktober noch eine Fahrt von Paris nach Reims vorgesehen und für die 231 G 558 eine Rundfahrt am 24. Oktober südlich von Rouen. Beide Fahrten mussten jedoch aufgrund betrieblicher Probleme gestrichen werden. Es kann sehr lange dauern, bis wir diese beeindruckenden Lokomotiven wieder zu sehen bekommen.

Fotozüge sind auf dem Netz der SNCF unbekannt, sodass man sich oft mit wenigen Aufnahmen begnügen muss. Die schönen 2’C1‘ “Pazifiks“ sind dennoch eine lange Reise wert.

Übersicht 231 G 558

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Im Jahr 1914 wurde mit dem Bau von 289 neuen “Pazifik“ Dampflokomotiven für die Chemin de Fer de l’État ("État") begonnen. Die Lieferung erfolgte zwischen 1916 und 1923. Sie ersetzten die nicht sehr zuverlässigen Loks der (späteren) Reihe 231 B. Die Loks wurden von der État als 231-501 bis 231-783 eingereiht. Einige Loks gingen während des Ersten Weltkriegs verloren. Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurden mit Regierungsunterstützung ähnliche Loks auch für andere Bahngesellschaften bestellt. Diese wurden als 231 TP (Travaux Publics = Öffentliche Arbeiten) geliefert.

Zwischen 1933 und 1949 wurden 135 Maschinen umgebaut und als 231 D eingereiht, weitere 31 als 231 DD in 1932 und 1936, 23 als 231 W in 1933, 92 als 231 H zwischen 1937 und 1948 und 6 als 231 R. Vierundzwanzig blieben unverändert und bildeten die Reihe 231 C. Einige Loks wurden mehrfach umgebaut.

Die Loks der Reihe 231 DD (DD = Double Dabeg wegen der Lentz-Dabeg-Ventilsteuerung an den Hoch- und Niederdruckzylindern) erhielten u. a. auch einen Kylchap-Doppelkamin, der die Saugzugverhältnisse wesentlich verbesserte. Die 231 DD bespannten während ihrer gesamten Karriere Expresszüge zwischen Paris und Caen, Cherbourg, Rouen, Le Havre, Lisieux und Deauville. Nach der Gründung der SNCF am 1. Januar 1938 wurden diese Loks als Reihe 231 G bezeichnet.

231 G 558 (ex-État 231-558, ex-231-558 DD) wurde im Jahr 1922 von der Société Batignolles Châtillon in Nantes gebaut. Sie beförderte ihren letzten Zug am 29. September 1968. Zum Glück wurde sie nicht wie alle ihre Schwesterloks verschrottet. Stattdessen fuhr sie unter eigenem Dampf nach Dieppe, um dort die 231 D 744 als Heizanlage für das Öl der Fährschiffe abzulösen. Sie blieb bis zum Frühjahr 1970 unter Dampf und stand danach fast drei Jahre unter freiem Himmel im Bahnhof Dieppe. Der aggressive Seewind trug dazu bei, dass sich der Zustand der Lok rasch verschlechterte, aber 1974 wurde sie nach Sotteville zurückgeschleppt. Dort wurde sie von Eisenbahnern betreut und fand ein geschütztes Unterkommen im Lokschuppen. Nach langen Verhandlungen war die SNCF bereit, die Lok der “Amicale des Chefs de Traction“ zu schenken. Danach wurde sie von dem neu gegründete Pacific Vapeur Club übernommen, der sie betriebsfähig aufarbeitete. Am 11. Juni 1986 konnte die 231 G 558 wieder angeheizt werden. Eine weitere Generalüberholung begann im Oktober 2009 und wurde am 18. Dezember 2017 beendet. Die nächste beginnt in November.

Übersicht 231 K 8

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Zwischen 1912 und 1917 wurden 85 2C1 Pazifik-Lokomotiven für die Chemins de Fer de Paris à Lyon et à la Méditerranée (PLM) gebaut. Die ersten bekamen die Nummern 6011 bis 6030, aber die komplette Serie lief als 6201 bis 6285. Im Januar 1925 wurde die 6201 in 231 C 86 umgezeichnet und die anderen Loks in 231 C 2 bis 231 C 85. Zwischen 1938 und 1948 wurden die Nummern wieder geändert; dieses Mal in 231 K 86 und 231 K 2 bis 231 K 85. Nach der Elektrifizierung der Strecke Paris – Lyon in 1952 waren die PLM-Pazifiks in ganz Frankreich außer der Westregion (la Région Ouest) zu Hause. Berühmte Züge wie Le Train Bleu und La Flèche d’Or wurden von diesen Maschinen befördert.

20 Loks stammen von Henschel & Sohn in Cassel (damals noch mit C). Eine davon war die spätere 231 K 8 aus dem Jahr 1912 mit der Fabriknummer 10851. Ihr erstes Bw war Laroche-Migennes und bald darauf Dijon-Perrigny. Bei der PLM fuhr sie zuerst als 6018 und dann ab 1914 als 6208. 1925 bekam die Lok die Nummer 231 C 8. Am 1. Januar 1938 wurde die PLM Teil der neu gegründeten SNCF, wobei die Lok Ihre Nummer behielt. Avignon wurde in 1941 ihr neues Bw.

Im September 1947 wurde die 231 C 8 für eine umfangreiche Rekonstruktion in die "Ateliers des Aciéries du Nord" in Marseille gebracht. Die komplett renovierte SNCF 231 K 8 verließ das Ausbesserungswerk am 19. Dezember 1947 mit geänderten Windleitblechen, einem Kylchap-Doppelschornstein und mit dem ex-PLM Tender 30 A 76 (30 m³ Wasser und 7 t. Kohle). Die 231 K 8 war 60% kräftiger geworden und konnte 15% schwerere Züge ziehen. Ihr neues Bw war Lyon-Mouche.

Wegen der fortschreitende Elektrifizierung wurde die Lok 1950 von Lyon nach Boulogne umbeheimatet, wo sie den ex-NORD Tender 37 A 104 mit 37 m³ Wasser und 9 t. Kohle bekam. Danach kam sie nach Beauvais und zum Schluss, am 31. Mai 1966, nach Calais. Hier wurde sie mit dem NORD-Tender 38 A 1 mit 38,5 m³ Wasser gekuppelt. Nachdem sie einen "Flèche d'Or" von Amiens nach Calais gebracht hatte, wurde die Lok am 10. Januar 1969 abgestellt.

Am 14. März 1975 wurde die 231 K 8 von der SNCF versteigert. Der Schauspieler Alain Delon war einer der Interessenten, aber sie wurde an die Fédération des Amis des Chemins de Fer Secondaires (FACS) verkauft, die die Lok der Matériel Ferroviaire Patrimoine National (MFPN) zur Verfügung stellte. Die Maschine wurde komplett neu aufgearbeitet und wird für Sondereinsätze verwendet. Seit dem 30. Oktober 1987 ist sie ein “Monument Historique”.

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