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Mittwoch, 16 Dezember 2020 07:10

Großbritannien: Das System der Franchise-Verträge geht dem Ende entgegen

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Fotos Rüdiger Lüders.

Das britische Eisenbahnsystem war eine der letzten staatlichen Industrien, die von den Thatcher-/Major-Regierungen privatisiert wurde. Seither hat man in Grossbritannien das Für und Wider privater Bahngesellschaften heiss diskutiert und immer wieder eine Rückverstaatlichung gefordert, die jedoch bei den konservativen Regierungen stets auf Ablehnung stiess.

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Nun könnte als Ironie des Schicksals gerade eine konservative Regierung gezwungen sein, den Grundpfeiler des privaten Bahnsystems, die sog. Franchise-Verträge zu kippen und durch eine neue Struktur unter staatlicher Kontrolle zu ersetzen. Nachdem einige Bahngesellschaften wie Virgin Trains, Northern oder Keolis-Amey ihre Verkehrsverträge bereits vorzeitig beenden und ihre Leistungen an staatliche Betreiber abtreten mussten, hat die Corona-Pandemie dem überkommenen System nun endgültig den Todesstoss versetzt. Der drastische Rückgang der Fahrgastzahlen während der Schutzmassnahmen gegen das Covid-Virus hat dabei die wirtschaftlichen Probleme der meisten Bahngesellschaften nur verdeckt.

Die Grundidee des Franchise-Systems war der Wettbewerb. Doch statt sich um immer mehr Reisende zu bemühen, um die Fahrgeldeinnahmen zu steigern, kämpften die Betreiber nur gegeneinander, wenn es um die Vergabe neuer Verkehrsverträge ging. Hinzu kommt, dass der Spielraum für Profite der Gesellschaften im Laufe der Zeit geringer wurde. Gab es unmittelbar nach der Privatisierung vor 25 Jahren noch viele Möglichkeiten für Einsparungen, so sank der durchschnittliche Gewinn der Bahngesellschaften auf unter 3%, weniger als in anderen Wirtschaftsbereichen.

Ausserdem ist zu bedenken, dass die Betreiber des Zugverkehrs nicht für das Bahnnetz verantwortlich sind. Somit fehlt der Anreiz, Verbesserungen für die Reisenden durch abgestimmte Massnahmen in der Infrastruktur, im Betrieb und beim Fahrzeugpark zu erzielen, und sei es zunächst nur, überfüllte Züge durch einen Ausgleich zu entlasten.

Bis jetzt hat die britische Regierung angesichts der Corona-Krise das Franchise-System durch "Management-Verträge" ersetzt. Dabei erhalten die Betreiber feste Provisionen und müssen nicht das Risiko ausbleibender Fahrgeldeinnahmen tragen. Ob es bei solchen Vertägen bleiben kann, wird sich zeigen.

Die First Group streitet derzeit mit dem Finanzministerium über Ausgleichszahlungen von insgesamt 250 Mio. GBP, die sie für ihre Regionalgesellschaften South Western Railway und TransPennine Express leisten soll, da sie aus Sicht der Regierung höhere Unterstützungszahlungen erhalten habe als ihr zustehen. Sollte es hierzu keine Einigung geben, sind die nächsten Verstaatlichungen absehbar.

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Quellen: The Guardian, The Times

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