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Montag, 08 Februar 2021 09:00

Frankreich: Große Empörung über Absage des MI20-Vertrags für die RER-Linie B

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Foto Île-de-France Mobilités.

Der französische Bahnhersteller Alstom gab am Donnerstag (04.02.2021) bekannt, dass er das Angebot von Bombardier und CAF über 146 neue Züge MI20 für die RER-Linie B im Wert von 2,5 Mrd. EUR nach einer finanziellen und technischen Prüfung zurückzieht. Die Auftraggeber RATP und SNCF Voyageurs sind empört, haben auf Anraten von Île-de-France Mobilités-Präsidentin Valérie Pécresse den Vertrag alleine unterschrieben und fordern dessen Einhaltung.

Auf Einladung des Wirtschaftsclubs der Zeitung "Monde" kündigte Henri Poupart-Lafarge, Präsident und Generaldirektor (PDG) von Alstom schon am Mittwoch (03.02.2021) an, den Auftrag für die neuen Züge "neu verhandeln" zu wollen: "Der Auftrag wurde an das Konsortium Bombardier-CAF - also jetzt Alstom-CAF - vergeben und ist noch nicht unterzeichnet. Wir haben große Bedenken hinsichtlich der technischen und finanziellen Machbarkeit des Angebots. Wir möchten - und das ist der Zweck der von uns vorgeschlagenen Mediation - diese Bedenken mit der RATP, mit Ile-de-France Mobilités und mit allen Beteiligten diskutieren können. Dies sollte CAF einschließen; damit habe ich keine Schwierigkeiten."

Poupart-Lafarge sieht den Vertrag als schlecht kalkuliert an. Das Angebot von Alstom lag um 500 Mio. EUR über dem von Bombardier/CAF: "Wenn wir den Vertrag so ausführen, wie er vorliegt, kann ich Ihnen sagen, dass wir in der Tat Geld verlieren würden. Eine Menge Geld. Wir haben nur einmal mit einem Konsortium mit CAF bei einem U-Bahn-Auftrag experimentiert [in Porto Alegre, Brasilien, im Jahr 2012]. Und objektiv betrachtet war es eine Katastrophe. CAF war für die Drehgestelle verantwortlich, wie es auch im RER B-Vertrag der Fall ist. Es lief sehr schlecht, und die Flotte stand zwei Jahre lang still. Ist es das, was wir wollen? Die RER B-Flotte steht für zwei Jahre still?"

Mit dem Einverständnis der Verkehrsbehörde Île-de-France Mobilités, die die künftigen RER-B-Züge finanziert, haben die RATP und die SNCF trotzdem den Vertrag am Freitag (05.02.2021) allein unterzeichnet und dann dem Bombardier-CAF-Konsortium, das sich selbst in der Auflösung befindet, die Unterzeichnung zugeschickt. Die Zeitung Les Echoes spricht von einer "Seifenoper, die noch nicht zu Ende" ist.

Der Konzern muss sein Wort halten und "den Vertrag einhalten", denn "das Ausschreibungsverfahren wurde für gültig erklärt", verkündete die Regionalpräsidentin der Île-de-France und Präsidentin des Verkehrsverbundes Île-de-France Mobilités, Valérie Pécresse, am Freitagabend. Die Vertragspartner RATP und SNCF Voyageurs drückten darauf ihre Empörung in einer Pressemitteilung aus:

----- Wortlaut der Pressemeldung von RATP/SNCF Voyageurs (Übersetzung) ---

Das Konsortium RATP/SNCF Voyageurs verurteilt in einer Stellungsnahme vom 05.02.2021 nachdrücklich die Entscheidung von Alstom-Bombardier, das von Bombardier Transport im Rahmen seines Konsortiums mit CAF eingereichte Angebot für die Lieferung von 146 neuen Zügen MI20 für die RER-Linie B zurückzuziehen.

Das Konsortium RATP/SNCF Voyageurs ist überrascht von der Rücknahme des Angebots durch Alstom-Bombardier am Vorabend einer Anhörung des Verwaltungsgerichts, das auf Antrag von Alstom über die Tragfähigkeit des Angebots auf der Grundlage der vorgelegten und ausgetauschten Unterlagen entscheiden sollte.

Das Konsortium RATP/SNCF Voyageurs ist bereit, alle rechtlichen Schritte gegen Alstom-Bombardier einzuleiten, da das Konsortium Bombardier/CAF bei der Abgabe des verbindlichen Angebots eine entsprechende Verpflichtung eingegangen ist.

Die Unternehmensgruppe RATP/SNCF Voyageurs weist darauf hin, dass sich die Unternehmensgruppe Bombardier/CAF mit der Bestätigung ihres letzten Angebots am 4. Januar, also vor einem Monat, verpflichtet hat, dieses im Falle einer Vergabe zu erfüllen. Durch die Übernahme von Bombardier Transport hat Alstom alle Verträge und Verpflichtungen des Unternehmens übernommen.

Was das Angebot selbst betrifft, so betont die Gruppierung RATP/SNCF Voyageurs, dass es äußerst gründlich geprüft wurde, wobei das gesamte Fachwissen der beiden Unternehmen zu diesem Thema genutzt wurde. In diesem Zusammenhang prangert die Gruppe die Äußerungen über die Seriosität der durchgeführten Arbeiten und die Kompetenzen der beiden Unternehmen RATP /SNCF Voyageurs an. Insbesondere hat eine externe, anerkannte und unabhängige Firma vor der Auftragsvergabe eine wirtschaftliche und finanzielle Prüfung des Angebots durchgeführt, die nicht zu einem ungewöhnlich niedrigen Angebot führte. Diese Prüfung wurde über einen Zeitraum von zwei Monaten auf der Grundlage der Analyse von mehreren hundert Dokumenten durchgeführt.

Abschließend möchte die Gruppe auf die Bedeutung dieses Vertrags für die Bevölkerung der Ile-de-France und ihren Kunden Ile-de-France Mobilités hinweisen, der alle RER B-Züge finanziert. Die Entscheidung von Alstom-Bombardier würde zu einer völlig inakzeptablen Verzögerung bei der Auslieferung dieser 146 Züge führen, obwohl die RER-Linie B die am zweitstärksten befahrene Passagierlinie in Europa ist.

WKZ, Quelle RATP/SNCF Voyageurs, Le Monde, Les Echoes, Ouest-France

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Letzte Änderung am Montag, 08 Februar 2021 09:28

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