english

Donnerstag, 08 April 2021 12:05

Österreich: Achenseebahn unter den 7 meistgefährdeten Kulturerbe-Stätten in Europa gelistet

ee5image004
Fotos Europa Nostra, Gunter Mackinger.

Europa Nostra – die europäische Stimme der Zivilgesellschaft für den Schutz und die Förderung des Kultur und Naturerbes – sowie seine Partnerorganisation, das Institut der europäischen Investitionsbank, haben heute Morgen die Liste der “7 Meistgefährdeten” 2021 bekannt gegeben:

ee11ee10
ee2ee7
Fotos Europa Nostra.

• Achenseebahn Dampf-Zahnradbahn, Tirol, ÖSTERREICH
• Historischer Friefhaof von Mirogoj, Zagreb, KROATIEN
• Die fünf südliche Inseln der Ägäis, GRIECHENLAND
• Der Giusti-Garten, Verona, ITALIEN
• Das Kloster Dečani, KOSOVO *
• Das Zentral-Postamt, Skopje, NORD MAZEDONIEN
• Die Kapelle und einsiedelei von San Juan de Socueva, Cantabria, SPANIEN

Die Bekanntgabe der 7 meistgefährdeten Stätten 2021 erfolgte mit einem Online-Event unterstützt durch hochrangige Repräsentanten von Europa Nostra und der Europäischen Investitionsbank sowie der Teilnahme von Mariya Gabriel, der Europäischen Kommissarin für Innovation, Kultur, Bildung und Jugend. Einsender und Repräsentanten der 7 ausgewählten Stätten wirkten bei diesem Web-Seminar mit, welches Teilnehmer aus ganz Europa und darüber hinaus anzog.

Als Sprecher auf diesem Event hob Guy Clausse, stellvertretender Generaldirektor von Europa Nostra, hervor: “Das Ziel der Liste der 7 Meistgefährdeten 2021 ist es, angesichts der Bedrohung dieser Stätten die Alarmglocken zu läuten. Von einem herausragenden mittelalterlichen Kloster bis einem bemerkenswerten Renaissance-Garten, von industriellen und modernen Konstruktionen bis ikonischen Kulturlandschaften: Diese Stätten sind historische Zeugnisse unserer gemeinsamen Vergangenheit, Erinnerung und Identität. In einer Zeit, in der unser Kontinent eine nie dagewesene Krise erfährt, möchte Europa Nostra seine Solidarität ausdrücken und jene lokale Gemeinschaften unterstützen, welche entschlossen sind, diese gefährdeten Schätze zu retten. Durch unser weitreichendes pan-europäisches Netzwerk von Mitgliedern und Partnern, welches als kraftvoller Richtungsweiser von nachhaltiger Entwicklung wie auch lebendiges Werkzeug für Frieden und Dialog zwischen verschiedenen Gemeinschaften verstanden werden soll, werden wir unterschiedlichste Expertisen und Mittel mobilisieren, um diesen Sehenswürdigkeiten zu helfen. Zusammen schaffen wir das!”

Francisco de Paula Coelho, Vorsitzender der Europäischen Investitionsbank, erklärte: “Einmal mehr steht das EIB-Institut Seite an Seite mit Europa Nostra, unserem Langzeit-Partner in der Absicherung gefährdeter europäischer Kulturerbe-Stätten.Europäer sind stolz auf ihr kulturelles Erbe. Es bringt sie zusammen. Für die EU-Bank ist es nur natürlich, diesen Zusammenhang durch unsere Unterstützung und unser Engagement für das jetzt alljährliche “7 Meistgefährdeten – Programm” bekräftigen zu helfen.”

Auf die Bekanntgabe der 7 meistgefährdeten Kulturstätten 2021 reagierte Mariya Gabriel, EU-Kommissarin für Innovation, Forschung, Kultur, Bildung und Jugend folgendermaßen: “Europas kulturelles Erbe ist unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es ist Teil unserer Identität und bringt Leute unseres gesamten Kontinents zusammen, um Werte und Erfahrungen miteinander zu teilen. Es ist kostbar und verdient von uns höchste Beachtung und Schutz. Durch das 7 Meistgefährdeten-Programm rücken wir sowohl die Gefährdung als auch das wachsende Bewusstsein dafür ins Rampenlicht und ebnen den Weg für eine gangbare Zukunft der ausgewählten Kulturstätten”.

Die 7 meistgefährdeten Stätten für 2021 wurden vom Vorstand von Europa Nostra aus 12 von einem internationalen Expertenteam gelisteten Stätten ausgewählt. Die Auswahl wurde getroffen auf der Basis von herausragender Bedeutung des Erbes und des kulturellen Wertes der Stätten und ebenso auf Grund der ernsthaften Gefahr, welcher sie ausgesetzt sind. Der Grad des Engagements der örtlichen Gemeinschaften sowie der Einsatz öffentlicher und privater Interessensvertreter, um diese Stätten zu sichern, wurden als entscheidender zusätzlicher Wert betrachtet. Ein weiteres Auswahlkriterium war dessen Potential, als Katalysator für nachhaltige sozio-ökonomische Entwicklung wie auch als Werkzeug dafür zu dienen, den Frieden und den Dialog zwischen deren Örtlichkeiten und deren größerer Region voran zu bringen.

Die ausgewählten 7 Meistgefährdeten Erbestätten kommen für einen EIB-Erbe-Zuschuss von bis zu 10.000 EURO infrage. Der EIB-Erbe-Zuschuss kann auf die berechtigten 7 Meistgefährdeten verteilt werden,um Massnahmen zu unterstützen, welche dazu dienen, die bedrohte Stätte zu sichern.

Gruppen von Fachleuten, die Europa Nostra und die Europäische Investitionsbank vertreten, werden zusammen mit den Organisationen, welche die Stätten nominiert haben, sowie mit anderen Partnern jeden Fall bewerten, indem sie Informationen einholen und sich mit den Hauptinteressenten treffen. Diese fachübergreifenden Teams werden Expertenratschläge vorbereiten, mögliche Geldquellen aufzeigen und breite Unterstützung mobilisieren,um diese erhaltenswerten Sehenswürdigkeiten zu retten. Am Ende des Bewertungsprozesses werden sie eine Reihe von Empfehlungen für das weitere Vorgehen formulieren und kommunizieren.

Das 7 Meisgefährdeten-Programm wird betrieben durch Europa Nostra in Partnerschaft mit der Europäischen Investitionsbank . Es hat außerdem die Unterstützung des Creative Europe – Programm der Europäischen Gemeinschaft. 2013 eingeführt bildet dieses Programm eine Aktion der Zivilgesellschaft, um Europas gefährdetes Kulturerbe zu sichern. Es hebt das Bewusstsein, bereitet unabhängige Beurteilung vor und schlägt Empfehlungen für das weitere Vorgehen vor. Es sieht ebenso eine symbolische Zuwendung von 10.000 € pro angeführter Kulturstätte vor. Das Auflisten einer gefährdeten Stätte dient oft als Impulsgeber und Werbung für die Mobilisierung der nötigen öffentlichen und privaten Unterstützung, einschließlich Geldbeschaffung.

Achensee-Dampf-Zahnradbahn, Tirol

p1190689p1190705
Fotos Gunter Mackinger.

Die Achenseebahn ist eine dampfbetriebene Zahnradbahn, die Jenbach mit dem Achensee in Tirol verbindet. Die schmalspurige Achenseebahn, die seit über 130 Jahren im Einsatz steht, ist ein authentisches Beispiel für die europäische Industriegeschichte; es besteht jedoch die Gefahr, dass sie verloren geht – da sie auch nicht unter nationalem Denkmalschutz steht.

Andere ähnliche europäische Eisenbahnen, die dasselbe System verwendeten, wurden wegen nicht durchgeführter Modernisierung und Überalterung der Technologie geschlossen oder abgerissen. Die Achenseebahn ist die einzige öffentliche Eisenbahn der Welt, die seit ihrer Eröffnung im Jahr 1889 die gesamte Ausrüstung eines Eisenbahnsystems aus dem späten 19. Jahrhundert nutzt. Dessen Elemente sind kohlegefeuerte Dampflokomotiven, Personenwagen, ein Lokschuppen mit Schiebebühne, Werkstatt, Gleise, Bahndämme und Brücken. Die Konzessionsurkunde für die Errichtung der Eisenbahn wurde vom österreichischen Kaiser Franz Josef I. unterzeichnet.

Im Frühjahr 2020 ging die Achenseebahn Aktiengesellschaft in Konkurs. Die meisten von der Tiroler Landesregierung versprochenen Subventionen wurden nie ausgezahlt. Diese einzigartige Infrastruktur kann aufgrund mangelnder Wartung schnell kaputt gehen und ihre ursprüngliche und stets ausgeübte Funktion nicht mehr erfüllen.

Das Internationale Komitee zur Erhaltung des industriellen Erbes (TICCIH) und der Internationale Rat für Denkmäler und Stätten (ICOMOS) unterstützten die Kampagne zur Erhaltung der Achenseebahn, an der lokale Verbände und Freiwillige beteiligt sind. ICOMOS Austria nominierte mit Unterstützung von TICCIH Austria die Achenseebahn für das Programm der 7 am stärksten gefährdeten Kulturdenkmäler 2021.

Der Vorstand von Europa Nostra gab auf Basis der vom Beratergremium des „7 Meistgefährdeten-Programmes“ formulierten Stellungnahme bekannt: “Die sorgfältige Wartung und Bemühung in den letzten 131 Jahren, das gesamte technische Ensemble in einem einwandfreien Erhaltungszustand zu halten, trägt wesentlich zu seiner Authentizität bei und macht es zu einer der wichtigsten Touristenattraktionen im Land Tirol. Jedoch: das Überleben der Achenseebahn ist derzeit in Gefahr. Die dringend benötigten Investitionen für die Instandhaltung der Eisenbahnstrecke, deren Finanzierung die lokale Landesregierung bereits zugestimmt hatte, blieben aus, und der reguläre Zugverkehr musste eingestellt werden. Wir hoffen, dass mögliche Neuverhandlungen der Finanzierungsprobleme Früchte tragen können. Die öffentliche Unterstützung für die Rettung der Eisenbahn wächst nicht nur durch die Aktivitäten des Achenseebahn-Fördervereins, sondern auch durch die begeisterten Enthusiasten, die die Strecke mit großem Engagement betreiben”.

Erklärung von ICOMOS Austria

Seit nun gut einem Jahr bemüht sich ICOMOS Austria (die NGO ICOMOS ist der Berater der UNESCO in Angelegenheiten des Welterbes, „Erbe der Menschheit“) um den Erhalt der Achenseebahn, der nach Meinung einiger der international renommiertesten Sachverständigen für historische Eisenbahnen und der bedeutendsten internationalen Organisationen für die Erhaltung des Erbe der Menschheit aufgrund ihres besonders authentischen Erhaltung sogar die Qualität eines Welterbes zukommen könnte.

Der erste Aufschrei, dass ein derartiges technisches Kulturerbe von weltweiter Bedeutung in Gefahr ist, zerstört oder in ihrem authentischen Erhaltungszustand so verändert zu werden, dass ihre besondere Qualität verloren geht, führte im Mai 2020 zu einem weltweiten HERITAGE ALERT  von ICOMOS International, dem sich Ende Mai 2020 auch TICCIH (The International Committee for the Conservation of the Industrial Heritage) anschloss.

Plötzlich erachtete auch das Bundesdenkmalamt (BDA) die Achenseebahn für beachtlich, nachdem seine Fach-Gutachter 2014 gar nichts Beachtliches an ihr fanden. Dennoch brachte es im Dezember 2020 nur eine sinnlose Teilunterschutzstellung zustande, die die Einzigartigkeit des Ensembles und des authentischen Betriebs mit den historischen Fahrzeugen nach wie vor schwerstens gefährdet, obwohl ICOMOS Austria in seiner Stellungnahme eindringlich und rechtlich begründet darauf verwies. Ohne rechtliche Begründung, daher willkürlich (!), wurde dieses Vorbringen abgewiesen oder einfach negiert. Auf den Hinweis auf den OUV (Outstanding Universal Value gemäß bundesgesetzlicher UNESCO-Welterbe-Konvention) der Achenseebahn wurde gar nicht erst eingegangen.

Da also durch österreichisches Recht der Schutz der Achenseebahn als weltweit herausragend einzigartige Eisenbahn ihrer Art nicht gewährleistet war und ist, schlug sie ICOMOS Austria für die Aufnahme in die Liste der 7 Meistgefährdeten (Kulturerbe-Stätten in Europa im Jahre 2021) von Europa Nostra vor. Ein trauriger Ruhm, nun nicht nur in die Shortlist der 12 Meistgefährdeten aufgenommen worden zu sein, sondern auch noch zu den 7 „Gewinnern“ zu zählen!

Pressemeldungen Europa Nostra, ICOMOS Austria

Zurück

Letzte Änderung am Donnerstag, 08 April 2021 12:02

Nachrichten-Filter