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Montag, 03 Mai 2021 08:00

Polen: Unorthodox in eine orthodoxe Gegend - Täglich nach Waliły

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Fotos Herbert Vogt.

Seit dem 2. Juli 2016 verkehren am südlichen Rand des Knyszyn-Urwalds wieder Züge nach Waliły, nur an Wochenenden während der Sommersaison. In diesem Jahr werden die Ausflugszüge auf der Strecke Białystok – Waliły schon ab dem 1. Mai und täglich bis zum 26. September 2021 verkehren.

Waliły, eigentlich zweigeteilt in Waliły-Stacja und den Hauptort, ist ein Dorf mit 235 bzw. 642 Einwohnern in Podlachien, 17 km von der Grenze zu Belarus entfernt. Das wäre nichts Außergewöhnliches, würde nicht in der vorwiegend orthodoxen Glaubens geprägten Gegend im unmittelbaren Nachbarort die Orthodoxe Geburtskirche der Heiligen Jungfrau Maria in Gródek stehen. Nach der Eröffnung der Eisenbahn Belostok – Volkovysk im Jahr 1886, 2 km von Gródek entfernt, siedelte sich hier Textilindustrie an, heute ist es ein regionales Zentrum der Holzindustrie und der Landwirtschaft mit sich entwickelndem Agrotourismus. Aber auch Waliły selbst kann punkten, bewahrte es doch einen Teil seiner Ursprünglichkeit mit Holzhäusern und Sandstraßen. In der Bahnhofssiedlung von Waliły gibt es Unterkünfte in Ferienhäusern ab 30 PLN (6,56 EUR) zu mieten.

Die Verbindungen wurden hauptsächlich für Touristen wiederhergestellt, um ihnen die Reise von Białystok in die Wälder des Knyszyn-Waldes zu erleichtern. Mit der im Dezember 2020 erfolgten Unterzeichnung einer neuen Vereinbarung mit Polregio über die Erbringung von Zugleistungen in der Region für die nächsten vier Jahre beschloss der Vorstand der Woiwodschaft Podlachien die Einführung von täglichen Verbindungen auf der Strecke Bialystok – Waliły im Zeitraum vom 1. Mai bis 26. September.

Das diesjährige Angebot umfasst zwei Zugpaare. Während der Eröfnungszug aus einem zweiteiligen Schienenbus der Reihe SA133 bestand, kann ansonsten auch einer der derzeit von Polregio bei SKPL CARGO angemieteten Triebwagen SN82-001 ("Marzanna") und SN83-003 ("Zbyszek") zum Einsatz kommen.

Auf der Strecke gilt, wie in den vergangenen Saisons, das attraktive Sonderangebot "Bilet dobrych relacji" von Polregio. Die Preise für die Fahrt bleiben gleich, z. B. eine normale Fahrkarte Białystok – Waliły kostet 5,30 PLN (1,16 EUR). Neu werden auch Monatskarten für die Hin- und Rückfahrt angeboten. Personen, die Anspruch auf gesetzliche Ermäßigungen haben (z. B. Studenten und Schüler), fahren noch günstiger. Auf allen Bahnhöfen außer Białystok können Fahrkarten auch im Zug ohne zusätzliche Gebühren gekauft werden. Fahrgäste, die in Waliły aussteigen, können auch den kostenlosen Anschlussbus nach Gródek nutzen.

Der Infrastrukturbetreiber PKP PLK hat zum Saisonstart an allen Haltestellen aktualisierte Beschilderungen und Informationsvitrinen mit Fahrplänen vorbereitet sowie an den 23 Bahnübergängen Maßnahmen zur Sichtbarkeit getroffen und an den Kreuzungen neue Oberflächen aufgebracht.

Waliły ist seit dem 2. April 2000, als der noch ein paar Kilometer weiter bis Zubki Białostockie führende Personenverkehr eingestellt wurde (Audiodokument), der Endpunkt der Strecke. Zubki Białostockie war der Grenzbahnhof, allerdings gab es keinen grenzüberschreitenden Verkehr. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es auf der Strecke große Bahnhöfe in Żednia und Waliły, wo es Restaurants gab und auf der Strecke Schnellzüge nach Moskau fuhren. Die Gleise auf polnischer Seite sind heute noch vorhanden, auf dem zuletzt vierschienigen (1435/1520 mm) Grenzabschnitt zum weißrussischen Grenzbahnhof Berastavica, ab hier existiert wieder Personenverkehr nach Vaŭkavysk, fehlen teilweise die Schienen.

Angesichts der in Białystok lebenden weißrussischen Minderheit, immerhin 2,5 % der rund 300.000 Einwohner, wäre eine Reaktivierung der Strecke nach Vaŭkavysk wünschenswert. Im Hinblick auf die ab 2027 in Białystok vorbeiführende HGV-Strecke "Rail Baltica" wäre perspektivisch für den schnellen Fernverkehr nach Minsk, aber insbesondere auch für den Güterverkehr (Stichwort "Seidenstraße", der Übergang Brest ist heillos überlastet) eine Anbindung daran von großem Vorteil. Białystok wäre der geeignete Ort, wo die Breitspur direkt andocken könnte und sich sinnvolle Verkehrsbeziehungen ergäben.

Hans-Jürgen Schulz

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Letzte Änderung am Sonntag, 02 Mai 2021 14:46

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