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Freitag, 11 März 2022 08:00

Großbritannien: Abschlussbericht zum Unglück von Carmont / Stonehaven veröffentlicht

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Fotos RAIB.

Versäumnisse von Network Rail und der Baufirma Carillion haben das Zugunglück von Carmont / Stonehaven, bei dem drei Menschen ums Leben kamen, verursacht, wie eine Untersuchung der britischen Aufsichtsbehörde Rail Accident Investigation Branch (RAIB) jetzt bestätigt hat.

Aufgrund von Baufehlern durch das inzwischen aufgelöste Unternehmen Carillion war das Entwässerungssystem der Strecke am Morgen des Unglücks am 12. August 2020 bei Carmont in Aberdeenshire den starken Regenfällen nicht gewachsen.

Ein ScotRail-Zug entgleiste kurz nach 9.30 Uhr, nachdem er in einen 10 m langen mit Kies und Schlamm überfluteten Gleisabschnitt bei Carmont, südlich von Stonehavengerutscht war. Der Zug prallte gegen eine Brückenbrüstung und wurde auseinander gerissen. Ein Triebwagen und der dritte Wagen stürzten eine steile Böschung hinunter. Der Lokführer (45), der Schaffner (58) und ein Fahrgast (62), kamen ums Leben und sechs weitere Personen wurden verletzt.

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Eine Untersuchung der Rail Accident Investigation Branch (RAIB) ergab, dass das Entwässerungssystem von Carillion nicht gemäß den Konstruktionszeichnungen installiert worden war. Vor allem war ein sog. Entwässerungsbündel - eine Struktur zum Schutz vor Lecks - hinzugefügt worden, was den Wasserabfluss erheblich veränderte. Dadurch wurde eine große Menge Wasser in den Abfluss an der Unfallstelle umgeleitet, was dazu führte, dass Kies ausgeschwemmt wurde. Das Drainagesystem war bereits 2011 errichtet worden, um Probleme mit der Bodenstabilität zu beheben. Wäre das Drainagesystem wie geplant gebaut worden, hätte es "höchstwahrscheinlich den Fluss des Oberflächenwassers sicher aufnehmen können".

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Andrew Hall, der stellvertretende Chefinspektor von RAIB, erklärte dazu: "Die traurige Ironie des Unfalls besteht darin, dass ein relativ moderner Abfluss, der das Risiko eines Erdrutsches an einem Einschnitt verringern sollte, in Wirklichkeit das Risiko für die Eisenbahn mit sich brachte." Die Baufirma Carillion, die im Januar 2018 in Liquidation ging, hatte Network Rail nicht mitgeteilt, dass man das Entwässerungssystem verändert hatte.

Mick Whelan, Generalsekretär der Lokführergewerkschaft Aslef, bezeichnete den Bericht als "vernichtend". Er sagte: "Die in diesem Bericht festgestellten Mängel sind so gravierend, dass wir glauben, dass dies ein Wendepunkt in der Art und Weise sein muss, wie wir die Sicherheit von Fahrgästen und Personal auf unserem Schienennetz gewährleisten."

Die Untersuchung ergab, dass die Fahrdienstleiter der Bahn keine Anweisung gegeben hatten, dass der Zug aufgrund des extremen Wetters langsamer fahren sollte, obwohl am Morgen des Unglückstages zwischen 6 und 9 Uhr über 50 mm Regen gefallen waren - fast der gesamte regionale Monatsdurchschnitt für August. Stattdessen wurde dem Lokführer per Signal mitgeteilt, die Strecke sei "in Ordnung". Der Zug fuhr daraufhin knapp unter der für diese Strecke zulässigen Geschwindigkeit.

Die Ermittler erklärten, die Fahrdienstleiter seien nicht ausreichend informiert oder geschult worden, um "komplexe Situationen", wie sie an diesem Tag auftraten, zu bewältigen. Die Managementprozesse von Network Rail hatten Schwachstellen im Umgang mit extremen Regenfällen nicht erkannt oder behoben.

Von RAIB wurden im Abschlussbericht etwa 20 Sicherheitsempfehlungen ausgesprochen, von denen sich viele an Network Rail richteten. Dazu gehörten ein besseres Management der Tiefbauarbeiten durch Network Rail und seine Auftragnehmer, zusätzliche Normen und Leitlinien für die sichere Gestaltung von Entwässerungssystemen und Maßnahmen, die verhindern, dass entgleiste Züge zu weit vom Gleis abkommen.

Andrew Haines, Chef von Network Rail, betonte: "Wir müssen es zukünftig besser machen, und dazu sind wir fest entschlossen". Er fügte hinzu: "Wir haben zweistellige Millionenbeträge investiert, um die allgemeine Widerstandsfähigkeit unserer Eisenbahn und die Art und Weise, wie wir solche Ereignisse vorhersagen und auf sie reagieren, zu verbessern. Aber dies bleibt eine generationenübergreifende Herausforderung, und es gibt noch viel zu tun".

Grant Shapps, der britische Verkehrsminister, erklärte, es wäre ein "Bärendienst" für die getöteten Männer, wenn keine Lehren daraus gezogen würden. Ich erwarte von der Bahnindustrie, dass sie alle Empfehlungen dieses Berichts umsetzt und dass die wichtige Arbeit, unser Bahnnetz sicherer und widerstandsfähiger zu machen, fortgesetzt wird, damit keine anderen Familien das erleben müssen, was ihre Familie auf tragische Weise erlebt hat."

Die Verkehrsgewerkschaft RMT hat zu einem Gipfeltreffen zur Eisenbahnsicherheit aufgerufen, an dem die schottische und die britische Regierung, die Eisenbahngewerkschaften, Network Rail, die Eisenbahninfrastrukturunternehmen und die Betreiber teilnehmen sollen, um eine weitere Tragödie auf unseren Eisenbahnen zu verhindern.

RL, GK, WKZ; Quellen BBC, RAIB, RMT, The Times

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