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Mittwoch, 04 Januar 2023 10:00

Norwegen: Externe Überprüfung zur Follobanen soll Mängel im Rückstromsystem aufklären

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Fotos Øystein Grue, Jernbanedirektoratet, Nicolas Tourrenc, Bane NOR.

Der Minister für Verkehr und Kommunikation Jon-Ivar Nygård kündigte gestern Nachmittag (03.01.2022) eine externe Überprüfung der Follobanen an. "Wir freuen uns auf eine gründliche Überprüfung und werden dazu beitragen, Antworten auf die Frage zu finden, warum und wie dies geschehen konnte", heisst es in einer Stellungsnahme des Verkehrsministeriums.

Das prestigeträchtige 37-Mrd.-NOK-Projekt (3,5 Mrd. EUR) wurde am 12. Dezember eröffnet, musste aber nur 8 Tage später im Zusammenhang mit der Überlastung des Rückstromsystems und der Erdung geschlossen werden.

"Wir können keine Infrastruktur im Wert von 37 Mrd. NOK haben, die nicht genutzt werden kann, also muss das Problem gelöst werden", sagte Verkehrsminister Nygård. "Zunächst müssen wir all jenen unser Bedauern ausdrücken, die mit den neuen Follobanen klimafreundlich reisen sollten. Wir arbeiten jetzt daran, den Fehler zu korrigieren. Wir sind zuversichtlich, dass uns dies bis zum 1. Februar gelingen wird."

"Der Minister hat nun eine externe Überprüfung angekündigt, der wir mit Interesse entgegensehen", erklärt Bane NOR. "Es ist uns ein großes Anliegen, den Ursachen dieser Situation auf den Grund zu gehen. Für uns als Entwickler wird es wichtig sein, aus diesem Vorfall zu lernen, damit wir nicht wieder in eine ähnliche Situation geraten. Bane NOR wird zur Stärkung der Gesellschaft durch die Entwicklung eines klimafreundlicheren Verkehrssektors beitragen. Es liegt in unserer Verantwortung, die Follobanen wieder auf Kurs zu bringen, und darauf konzentrieren wir uns jetzt."

"Uns ist bekannt, dass Fragen zum Rückstrom- und Erdungssystem aufgeworfen wurden. Die technischen Lösungen waren unterdimensioniert, was zu Hitzestau und Rauchentwicklung führte. Dies ist eine Frage der Garantie, die wir mit unserem Generalunternehmer für Follobanen, Acciona Ghella (AGJV), besprechen werden."

Was ist Rückstrom?

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Grafik Bane NOR.

Der Grund, warum die Follobanen für Reparaturen geschlossen sind, hängt mit dem System des Rückstroms zusammen. Der Fahrstrom des Zuges muss sich in einem geschlossenen Stromkreis befinden. Die Züge ziehen den Strom aus der Oberleitung, und wenn der Strom vom Motor der Lokomotive entnommen wird, muss er als Rückstrom zum Kraftwerk zurückfließen. Der Rückstrom muss in die Gleise oder in eigene Rückleitungen fließen, je nachdem, welches System zur Verwendung kommt.

Im Blixtunnel fließt der Rückstrom über die Räder des Zuges in die Schienen und wird dann in eigenen Kabeln zur Einspeisestation zurückgeführt, wie in der Grafik gezeigt. Der Rückstrom (Returstrøm) fließt in die Schienen und die Verbindungen zwischen dem Autotransformatorsystem (AT) und den Schienen.

Im Falle eines Fehlers oder einer Unterbrechung im Stromkreis wählt der Rückstrom den Weg des geringsten Widerstands zurück zum Versorgungsnetz. Es wird nach anderen leitenden Elementen suchen, die einen Rückweg bieten können. Alle Anlagen, die näher als fünf Meter an das Gleis heranreichen, sind daher mit dem Gleis geerdet, so dass im Falle einer Störung Leben und Anlagen geschützt sind.

Moderne Züge können beim Bremsen elektrische Energie erzeugen, die so genannte Rückspeisung. Die Bremsenergie wird in die Fahrleitung zurückgespeist und nimmt den gleichen Weg wie der Rückstrom. Normalerweise werden 10-20 % der elektrischen Energie, die ein moderner Zug von der Fahrleitung erhält, auf diese Weise zurückgespeist.

Ist das Projektmanagementmodell schlecht?

Das staatliche Projektmodell KS2 ist eine Methodik für die Planung, Durchführung und Verwaltung von Projekten des öffentlichen Sektors in Norwegen. Das Modell legt den Schwerpunkt auf Qualität, Offenheit und Lernen im Rahmen des Projekts.

Schlüsselelement des Lenkungsdokuments ist eine Beschreibung des Projektumfangs, des Zeitplans, der Unwägbarkeiten und des erwarteten Kostenrahmens. Bei einem Projekt mit einer Laufzeit von z. B. zehn Jahren entscheidet das Storting also, was gebaut werden soll und wie viel das im hypothetischen Jahr 0 kosten soll. Dabei handelt es sich um ein so genanntes Phasenmodell, bei dem davon ausgegangen wird, dass die im Lenkungsdokument vor der Entscheidung über die Durchführung beschriebenen Anforderungen und Bedürfnisse während der gesamten Bauphase des Projekts gültig sind.

So weit, so gut, schreibt der Bauingenieur Simen Bakken in der Zeitung Aftenposten. Ihm zufolge hat das Modell zwei Schwachstellen:

Erstens sind die Veränderungen bei den Bedürfnissen und Lösungen viel größer, als es das Modell annimmt, nicht zuletzt wegen der Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung.

Zweitens ist das Modell für eine verantwortungsvolle Aufgabenverteilung ausgelegt. Obwohl die zuständige Regierung letztlich dem Parlament gegenüber rechenschaftspflichtig ist, ist die Aufteilung der Zuständigkeiten zwischen Endnutzer, Entwickler und Ministerium aber unklar. Die beteiligten Parteien haben zudem schwache bis negative Anreize, innerhalb des finanziellen Rahmens zu bleiben.

Simen Bakken empfiehlt deshalb ein flexibleres Projekt- und Governance-Modell als Lösung. Die Verantwortung für die Finanzierung der Projekte muss geklärt werden. Die Investitionen in Ressourcen mit den richtigen Fähigkeiten müssen deutlich erhöht werden. Es muss ein Modell geschaffen werden, bei dem der Umfang der Projekte an die sich ändernden Bedürfnisse und finanziellen Zwänge angepasst werden kann. Bereits in der Projekt- und Entwurfsphase müssen Haltepunkte eingeplant werden, und diese müssen im Entscheidungsrahmen des Storting deutlich werden.

Bengt Dahlberg, WKZ, Quelle Bane NOR

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