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Dienstag, 05 September 2023 11:35

Italien: Zugunglück Brandizzo - Arbeiten ohne die erforderliche Freigabe erfolgt

Fünf Bauarbeiter der Firma Sigifer aus Borgo Vercelli wurden in der Nacht zum 31.08.2023 von einem Zug erfasst, als sie gerade Wartungsarbeiten am Gleis durchführten. Der Corriere della Sera hat in fünf Fragen versucht, den Ablauf zum Zugunglück in Brandizzo zu hinterfragen.

• Was geschah in jener Nacht?

Ein Team von fünf Arbeitern und einem Bauleiter der Firma Sigifer aus Borgo Vercelli, einem Subunternehmen der Ferrovie dello Stato, das für die Firma Clf aus Bologna arbeitet, die einen Rahmenvertrag mit der Rfi hat, musste 7 Meter Gleis auf der Regionalstrecke Milano - Torino in der Nähe des Bahnhofs Brandizzo austauschen. Gegen 23.00 Uhr am Mittwoch treffen die Arbeiter am Bahnhof ein, ziehen Schutzanzüge und Helme an und bereiten die Ausrüstung vor. Um 23.40 Uhr beginnt die Arbeit. Sieben Minuten später werden die fünf von einem Übergabezug, bestehend aus einer Lokomotive und 11 leeren Wagen, überrollt. Sie sterben alle bis auf den Vorarbeiter, dem es gelingt, zur Seite zu springen. Gerettet wird auch der so genannte Begleitagent (scorta-ditta) des Netzverwalters RFI, der sich auf der Baustelle befand und die Aufgabe hatte, das Formular für die Eröffnung der Baustelle zu unterschreiben, nachdem er das OK vom Fahrdienstleiter in Chivasso erhalten hatte.

• Was ist die Hypothese der Staatsanwaltschaft?

Die Staatsanwaltschaft von Ivrea hat ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung und mehrfacher fahrlässiger Tötung mit möglichem Vorsatz eingeleitet und die beiden Überlebenden in das Register der Verdächtigen aufgenommen: den Begleitagenten und den Bauleiter von Sigifer. Nach Ansicht der Untersuchungsrichter wurden die Sicherheitsvorschriften von denjenigen verletzt, die vor Ort vor Freigabe durch den Fahrdienstleiter in Chivasso mit der Arbeit begannen. Die beiden Lokführer hingegen, die, nachdem sie grünes Licht erhalten hatten, losfuhren und in der Dunkelheit die Arbeiter bei der Arbeit nicht sahen, werden nicht zur Verantwortung gezogen.

• Wie sehen die Sicherheitsverfahren aus?

Das Verfahren sieht vor, dass die Baustelle erst geöffnet wird, nachdem der Fahrdienstleiter in Chivasso dem Begleitagenten grünes Licht gegeben hat, der ein Formular zur Öffnung der Baustelle ausfüllen und unterschreiben muss. Mit diesem Dokument kann der Bauleiter mit der Arbeit beginnen. Außerdem gibt es auf den Gleisen eine elektrische Sicherheitseinrichtung Cdb (Circuiti di binario), die die Anwesenheit von Zügen oder anderem Material auf der Strecke signalisiert.

• Was haben die Personen, die diese Verfahren anwenden mussten, getan?

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hat der Fahrdienstleiter in Chivasso die Freigabe (Nullaosta) nicht erteilt, so dass die Arbeiten ohne unterzeichnete Dokumente begannen. Der Begleitagent sagte den Ermittlern: "Ich dachte, der Zug sei bereits abgefahren". An diesem Abend kam der Konvoi mit 20 Minuten Verspätung in Brandizzo an. "Ein Zug muss vorbeifahren, mit Verspätung", hatte der Fahrdienstleiter von Chivasso am Telefon gesagt. "Vor Mitternacht geht das nicht."

• Wie ist die Praxis?

Insidern zufolge wird das formale Verfahren kaum eingehalten, und nur wenige unterschreiben die Freigabe. Dies bestätigen auch einige Mitarbeiter und ehemalige Mitarbeiter von Sigifer: "Wenn wir merkten, dass ein Zug Verspätung hat, haben wir uns an die Arbeit gemacht." In den nächsten Tagen wird die Staatsanwaltschaft einen Ingenieur beauftragen, die technischen Aspekte des Falles zu analysieren.

GK, WKZ, Quelle Corriere della Sera

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