

Um dem Karnevalstrubel im Rheinland zu entfliehen, entschlossen wir uns, die seit einiger Zeit auf unserer Agenda stehende nordfranzösische Stadt Lille zu besuchen. Unterstützt wurden wir von „Hello Lille – L´agence d´attractivité“, einer Agentur, die uns auch 2 Hotelnächte, Frühstück und Parken inklusive, in einem Mittelklassehotel nahe des Bahnhofs Lille Flandres sowie 2 City-Pässe finanzierte.
Dieser Bahnhof war vor Eröffnung der kompletten „LGV Nord“ 1994 ein Knotenpunkt Nordfrankreichs, von hier fuhren alle Fernzüge nach Paris Nord; die TER und Intercité nach Calais, Dunkerque, Tournai und Tourcoing fahren heute noch von hier ab. Vereinzelt beginnen und enden hier auch TGV, welche nur die Strecke Paris – Lille Flandres (über Arras) fahren. 1991 begann der Bau des neuen Bahnhofs „Lille Europe“ im Zuge der Ligne à Grande Vitesse Nord, welche seit 1994 Paris mit London verbindet. Die LGV Nord wurde in mehreren Phasen – 1993 und 1994 – in Betrieb genommen; bevor „Lille Europe“ fertiggestellt wurde, nutzten die TGV die Hochgeschwindigkeitsstrecke bis Croissilles kurz vor Arras und fuhren ab dort über die Altbaustrecke bis Lille Flandres. Die Fahrzeit Paris – Lille Flandres betrug ab diesem Zeitpunkt nur noch 1 Stunde 20 Minuten. Am 26. September 1993 wurde die restliche Stecke fertiggestellt, eine weitere Fahrzeitverkürzung auf 1 Stunde war nun möglich. Im Mai 1994 schließlich konnte auch der neue Bahnhof Lille Europe eröffnet werden. Dieser Bahnhof liegt direkt im Stadtkern und ist umgeben von hochmodernen Bürokomplexen („das große L“), einem Einkaufszentrum und mehreren Hotels. Vollendet wurde das städtebauliche Projekt „Euralille“ 1995.
Lille hat über 236.000 Einwohnern und ist ein wichtiges Handelszentrum; zudem hat die Stadt eine auf 6 Standorte verteilte Universität mit rund 80 000 Studierenden. Wir begeisterten uns für die historische Altstadt mit dem Rathaus und seinem Belfried und der Börse; schmale Gassen mit ihren alten Häuser lassen die Großstadt sehr gemütlich wirken. Leider ist das Bahnhofsviertel geprägt von sozialen Problemen, so gibt es hier viele Drogensüchtige, Bettler und generell ist es sehr verschmutzt, an vielen Ecken stinkt es nach Fäkalien und Erbrochenen. Die Präsenz der Polizei und Sicherheitsdiensten ist sehr hoch. Auf der Rückseite unseres Hotels lagen Obdachlose und Junkies, für sie fühlt sich niemand zuständig, sie schreien oft, einmal mussten wir aus dem geöffneten Fenster nach Ruhe schreien...
1983 wurde in Lille die erste vollautomatische U-Bahn der Welt in Betrieb genommen. Erste Planungen hierzu erfolgten 1968, der Bau der ersten Linie begann 1977. Vom 16.05.1983 an wurde die erste Linie (4 Cantons – République) kommerziell genutzt. Derzeit besteht das Netz aus 2 Linien mit einer Gesamtlänge von über 45,5 Kilometern und 62 Stationen; seit Jahren ist die Erweiterung der Linie 1 bis zum Flughafen Lille-Lesquin geplant. Die Züge sind Spezialkonstruktionen mit Gummireifen, entwickelt von der Firma Matra, die jedoch im Gegensatz zu anderen gummibereiften U-Bahnen ohne Eisenbahnschienen auskommen. Zudem sind sie auch kürzer. Durch die automatische Betriebsführung haben die Bahnsteige Türen, welche sich erst nach Einfahrt und Stillstand des Zuges öffnen. Aktuell sind noch die ersten Züge des Typs VAL 206 vorhanden; seit 2000 kamen Fahrzeuge des etwas breiteren Typs VAL 208 hinzu. 2011 wurde beschlossen, die Metro mit einem neuen Automatisierungssystem und neuen Fahrzeugen auszurüsten. Zudem sollten auch die Stationen erweitert werden, um längere Züge einzusetzen bzw. in dichterer Zugfolge zu fahren.
Dieser Auftrag wurde 2012 an Alstom vergeben; ursprünglich sollte das Projekt, inklusive der Lieferung neuer Fahrzeuge, 2017 abgeschlossen sein. Die neuen, durchgehend begehbaren Züge sind 52 Meter lang, vierteilig und haben Platz für 545 Passagiere. Das Gesamtprojekt verzögert sich immer wieder; zuletzt wurde zwischen der Métropole Européenne de Lille und Alstom nach über einjähriger Verhandlung vereinbart, dass das neue Automatisierungssystem 2021 in Gebrauch genommen und die neuen Züge zum Sommer 2023 in Betrieb genommen würden. Die bislang auf der Linie 1 eingesetzten und zwischenzeitlich modernisierten Fahrzeuge sollten zur Verstärkung auf der Linie 2 zum Einsatz kommen. Erhebliche technische Probleme sorgten immer wieder für die Verschiebung des ambitionierten Zeitplans; so wurde der erste Zug nicht 2015 fertiggestellt, sondern erst im Sommer 2019, erste Tests auf dem Streckennetz wurden ab 2023 durchgeführt. Die moderne Zugsteuerung wird seit 2021 getestet, mit Fertigstellung des Gesamtprojekts wird nun 2026 gerechnet. Die Metro ist gerade zu den Abendstunden oft überfüllt, der Vandalismus auf vielen Stationen ist ein großes Problem.
Neben der Metro und 60 Buslinien verfügt Lille auch über ein Straßenbahnnetz. Dieses besteht aus zwei Linien und führt von Roubaix nach Tourcoing. Die Gesamtlänge beträgt 22 Kilometer, zum Einsatz kommen 24 Niederflur-Triebwagen, welche von der Firma Breda gebaut wurden und seit 1994 in Betrieb sind. 2026 sollen 24 Citadis-Straßenbahnen von Alstom, mit Option auf weitere 6 Fahrzeuge, die bestehende Flotte ablösen.
Öffentlicher Transport in der Metropole Lille ist sehr günstig. Eine Kurzstrecke (max. 3 Stationen) kostet 1,15 €, das Standardticket 1,80 €, ein „Carnet“, bestehend aus 10 Standardtickets, kostet 15,40 €. Ein „Abendticket“, gültig ab 19 Uhr bis Betriebsschluss, kostet 2,45 €, eine Tageskarte 5,30 €, eine 2-Tages-Karte 9,60 €. Eine Wochenkarte kostet lediglich 18,10 €. Die Gesamtübersicht aller Tarife ist unter https://www.ilevia.fr/boutique/tout-le-catalogue zu finden.
Wir bedanken uns herzlich bei Madame Bénicourt und Monsieur Lenne von „Hello Lille – L´agence d´attractivité“ und bei Frau Lore de Chambure für die Unterstützung unserer Recherche-Reise.
Fotos
• Place du Théâtre Lille mit der Börse und dem Theater im Vordergrund (12.02.24)
• Der Bahnhof Lille Flandres (12.02.24).




• Auch wenn sich der Fernverkehr auf Lille Europe konzentriert, gibt es noch immer einige TGV - Verbindungen nach Paris und Lyon. Hier fahren auch TER nach Calais Ville, Douai und Maubeuge. Ich konnte einen (BB 22254) Zug mit einer "gebrochenen Nase", aus St. Quentin kommend, und Voitures Régionales à Deux Niveaux (VR2N) fotografieren. Diese Garnituren sollen durch Régio2N (Omneo) ersetzt werden. Z 23500 /24500/Z26500 fahren auch den Strecken nach Douai, Valenciennes und Lens (Foto zeigt beide Generationen nebeneinander). TGV R , hier Garnitur 4529, kam aus Paris und fährt in die Abstellung. Bedingt durch die verzögerte Auslieferung der TGV M bleiben diese Züge bis ca. 2028 im Einsatz. Die SNCB setzt für ihre Verbindungen nach Courtrai und Tournai ihre mehrsystemfähigen "Gumminasen" der Baureihe AM 96 ein (12.02.24)


• Während der Besichtigung des Bahnhofs Lille Europe sahen wir einen sogenannten TERGV, einen "Hochgeschwindigkeitsregionalzug", welcher zwischen Lille Europe und Dunkerque verkehrt und die Hochgeschwindigkeitsstrecke nutzt. Zum Einsatz kommt eine ehemalige POS - Garnitur (4406). Neben einem Fahrschein für den TER ist ein Zuschlag in Höhe von 2 Euro zu zahlen. Diesen würden wir für schnelleren Regionalverkehr gerne in Deutschland entrichten. TER 44506 verließ Dunkerque um 14:47 Uhr und kam 15:18 Uhr in Dunkerque an. 31 Minuten für knapp 75 Kilometer ist sehr sportlich (12.02.24).
• Auf dem anderen Gleis – der Bahnsteig gleicht einem Hochsicherheitstrakt – fuhr pünktlich EST9141 um 15.30 Uhr nach London St. Pancras (12.02.24).


• In Lille Flandres enden die beiden Tramlinien. Dieser Zug fährt nach kurzer Wende zurück nach Roubaix (12.02.24).
• OUIGO Nr. 7818 fährt als Doppeltraktion pünktlich um 12.20 Uhr, aus Lyon - Perrache kommend, in Lille Flandres ein (13.02.24).


• Ein Zug der vollautomatische Metro , hier auf der Linie 1. (13.02.24).
• Auch nach 30 Jahren wirken TGV R mit ihrer "Ecknase" sehr futuristisch. Bevor die Lüfter anlaufen, bzw. vor Anfahrt des Zuges ertönt eine ´Tonleiter´". Im Gegensatz zu den moderneren TGV-Serien verfügen die TGV R noch über einen Druckluftschalter auf dem Dach. Hier eine Einheit als TERGV nach Dunkerque in Lille Flandres (13.02.24).
Guido Bieniek & Michelle Baumgartner