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Freitag, 01 Juni 2018 08:27

Österreich: Zerstörung der Donauuferbahn als Teil des Welterbes Wachau

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Ausfahrt Sankt Nikola-Struden in Richtung Nibelungengau. Foto Hans-Jürgen Schulz.

Mitte Mai 2018 begann auf der Donauuferbahn Sankt Valentin - Krems der Abbau mehrerer Brücken im Mittelabschnitt Weins-Isperdorf - Emmersdorf. Die nun abgerissene Brücke in Strecken-km 57,4 über die L 7278 wurde erst 2008 (!) neu errichtet. Bereits im April starteten in Krummnußbaum die Abrissarbeiten der Gleise bei den Bahnübergängen.

Vorangegangen war 2010 ein Beschluss des Landes Niederösterreich, den niederösterreichischen Abschnitt der Donauuferbahn durch die landeseigene NÖVOG von den ÖBB zu übernehmen. Eine Fortführung des Schienenverkehrs war jedoch nicht beabsichtigt. Der Planverkehr wurde zum 12. Dezember 2010 auf der Gesamtstrecke eingestellt und durch Busse ersetzt, für Touristen blieb nur ein Teilstück der Donauuferbahn zwischen Krems und Emmersdorf im Nostalgieverkehr erhalten, den man möglicherweise schon im Hinblick auf die spätere Streckenamputation gleich "Wachaubahn" nannte. Von Westen her enden in Sankt Nikola-Struden heute die meisten Regionalzüge der im Strudengau noch bedienten Donauuferbahn von Linz aus, bis Sarmingstein verkehren nur ganz wenige Züge, der sich dort anschließende Mittelabschnitt im Nibelungengau ist auf der Schiene seitdem tot.

Schon damals sah man die Gefahr aufziehen, die Einstellung stehe nicht im Einklang mit dem Weltkulturerbe-Status der Strecke. Nun dürfte der Punkt erreicht sein. Das Weltkulturerbe Wachau ist zwar offiziell begrenzt auf den Abschnitt zwischen Krems und Emmersdorf/Donau, doch die Bahnstrecke endet ja nicht an der Landesgrenze. Sie kann aufgrund ihrer Eigenheit als verbindende Donauuferbahn, nicht nur in, sondern durch die Wachau zu führen, mit der Aufgabe ihrer Gesamtheit ihren Zweck fortan nicht mehr erfüllen. Folglich müsste der Welterbe-Status jetzt aberkannt werden.

Bedingt durch einen zeitlich begrenzten Auflassungsbescheid müssen bis zum 31. Dezember 2019 die Schienen verschwinden, eine Absturzsicherung errichtet sowie die Tunnelportale verschlossen werden. Der Abriss der Gleisanlagen auf dem 19 Kilometer langen Abschnitt zwischen Sarmingstein und Emmersdorf steht damit unmittelbar bevor.

Damit wäre eine eventuelle Wiederaufnahme des Schienenverkehrs endgültig vom Tisch. Die Initiative „Rettet die Donauuferbahn – in letzter Minute“, federführend dabei ist das Verkehrs- und Regionalforum Waldviertel, engagiert sich für den Erhalt der Bahnstrecke. Es wurden Unterschriftenlisten und eine Online-Petition ins Leben gerufen: https://donauuferbahn.aktivist.in/

Mit dem bedrohten Streckenabschnitt wird nicht nur die durchgehende, zweite Verbindung zwischen Linz und Wien zerstört. Dabei wäre sie im Fall eines Hochwassers, wie bereits 2002 geschehen, aufgrund ihrer hochwasserfreien Trassierung sogar überregional sehr nützlich.

Aber auch dem regionalen Güterverkehr, mit dem Steinbruch Loja befindet sich ein großes Schotterwerk an der Strecke, wird hier ein Bärendienst erwiesen. Tausende Tonnen Schotter müssen künftig per LKW durch die Ortszentren von Persenbeug und Ybbs gebracht werden. Für eine Baustelle in der Wachau bestellte die NÖVOG dort letztens 5200 Tonnen neuen Gleisschotter. Umständlicherweise konnte das Gestein aber nicht über den direkten, 30 Kilometer kurzen Weg nach Schwallenbach gebracht werden, weil das Mittelstück der Donauuferbahn ja eingestellt ist. Daher musste der Schotter mit fast 450 LKW-Fahrten durch die Zentren von Persenbeug und Ybbs zum Bahnhof Kemmelbach gebracht werden, von wo aus die Schotterzüge über St. Pölten und Tulln Richtung Wachau fuhren - ein mehr als 120 Kilometer langer Umweg. Das Schotterwerk würde gerne wieder auf die Schiene verladen, wenn es Fördermittel zur Streckenrenovierung gäbe, doch es heißt das Land Niederösterreich stehe auf dem lebensfremden Standpunkt, dass das Unternehmen oder die Gemeinden die Verkehrsinfrastruktur selbst zahlen sollten.

Was hier jetzt mit der "Kulturgutdemolierung" passiert, ist vollkommen unnötig, und rückwärtsgewandt für die kommenden Generationen der dortigen Bewohner - doch Niederösterreich scheint sich bezüglich Verkehrsprojekten in der Fläche im Schienenverkehr immer mehr auf Nostalgiezüge zu reduzieren, ansonsten plant und baut man ungeachtet des NÖ-Raumordnungsgesetzes und des Österreichischen Raumentwicklungskonzeptes fleißig weiter an Straßenprojekten wie beispielsweise der Traisental-Schnellstraße S34 und neuerdings auch einer Waldviertelautobahn. Während Wien als weltweit vielbeachtetes Vorbild im Bereich Umwelt- und Klimafreundlicher Mobilität gilt, wird die die Bundeshauptstadt umschließende Region Niederösterreich zur Wüste.

Hans-Jürgen Schulz

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Letzte Änderung am Freitag, 01 Juni 2018 08:44

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