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Donnerstag, 30 August 2018 11:00

Slowakei: "Korýtko" – Zukunft als zweite Tatrabahn oder nur Museumsbahn?

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Für die Strecke Ružomberok – Korytnica ist 2018 ein neues Kapitel aufgeschlagen worden, das vor 110 Jahren noch als Schmalspurbahn seinen Anfang nahm. Fast schon wieder vorbei ist der diesjährig erstmals gestartete saisonale Ausflugsverkehr „Korýtko vlakom bicyklom“ zwischen Ružomberok (dt.: Rosenberg) und Zápalkáreň.

Vom 30. Juni noch bis zum 2. September finden hier an allen Wochenenden jeweils samstags + sonntags sowie einigen zusätzlichen Wochentagen Fahrten mit einem Gespann aus einem Triebwagen der Reihe 810 sowie einem gedeckten hölzernen Güterwagen zur Fahrradbeförderung statt. Gefahren wird im Stundentakt (Fahrplan: www.korytnickazeleznica.eu) zwischen 9 und 18 Uhr (Fahrpreis: 1 EUR). Am Streckenende wurde im Frühjahr 2018 ein Haltepunkt eingerichtet, im dort neu aufgestellten Container-Empfangsgebäude von Zápalkáreň (km 3,1) können Fahrräder (ab 15 EUR/Tag) ausgeliehen werden, mit denen man von hier aus beispielsweise zum durch sein Mineralwasser weltbekannten Kurort Korytnica weiterfahren kann.

Die Bahnstrecke ist der Anfang und zugleich Überbleibsel der einstigen Lokalbahn Rosenberg–Korytnica, die als 760-mm-Schmalspurbahn zwischen 1908 und 1974 die Stadt Ružomberok mit dem Heilbad Korytnica verband. Das ursprüngliche Projekt mit einer normalen Spurweite (1435 mm) wurde damals nicht realisiert, ebensowenig der einst vorgesehene Weiterbau bis Banská Bystrica nach Süden und nach Dolný Kubín im Norden. Erbaut von der Rózsahegy–Korytniczai helyi érdekü vasút (RKV), wurde sie anfangs von der k. k. privilegierte Kaschau–Oderberger Bahn (KsOd) betrieben, ab 1921 von den Československé státní dráhy (ČSD). Nachdem mit dem Ausbau der parallelführenden Straße der Güterverkehr 1966 eingestellt wurde, war der letzte Betriebstag der 28. September 1974, und folglich wurde nach Umstellung der zuletzt immerhin neun täglichen Zugpaare auf Busverkehr die einzigartige Bahn demontiert. Es verblieb von ihr nur ein später doch auf Normalspur umgespurtes dreieinhalb Kilometer langes Reststück, von welchem verschiedene Anschlussgleise abgingen, so am heutigen Streckenende jenes der Zündholzfabrik, dessen wortwörtliche Übersetzung Zápalkáreň heute die Bezeichnung der Endstation darstellt. Im Gegensatz zum am Kleinbahnhof gelegenen Sägewerk, das heute noch für regen Güterverkehr sorgt, wurde dieses in letzter Zeit aber schon nicht mehr bedient. Die erst 1966 beschafften zehn neuen Reisezugwagen der Bauart Balm/u fahren heute noch bei der JHMD in Südböhmen. Am 25. November 2017 fuhr auf der Strecke als Auftakt zum 110. Jubiläumsjahr (2018) erstmals ein historischer Dieseltriebwagen der Reihe M.131 zwischen dem Bahnhof Ružomberok und dem Bahnhof Ružomberok malá stanica (km 2,2).

Es gibt die Idee, die hier bis 1974 existierende schmalspurige, 23,5 km lange Strecke nach Korytnica als normalspurige elektrische Bahn wiederaufzubauen, auch weitere kurze Zweigstrecken sind angedacht. Als Vorbild dient das Konzept der in der Hohen Tatra gelegenen Tatranská elektrická železnica (TEŽ) nördlich von Poprad. Völlig offen ist jedoch die Finanzierung, die Kosten einschließlich der benötigten Fahrzeuge wurden im Jahr 2012 auf 38,4 Mio. EUR geschätzt.

Möglicherweise ergibt sich zukünftig die Chance einer schrittweisen Realisierung: Ein erstes Etappenziel zur Streckenverlängerung könnte der Ort Vlkolínec sein, ein Bauerndorf bei Biely Potok (km 6), das noch im Stadtbereich von Ružomberok liegt und wegen seiner außergewöhnlichen, unberührten Siedlung mit 40 originalen, bewohnten Holzhäusern seit 1993 als UNESCO-Weltkulturerbe ausgezeichnet ist. Bei km 12 wäre Podsuchá erreicht, wo zur Rechten der Nationalpark der Niederen Tatra beginnt. Wieder ein Schritt weiter bei km 17 grenzt am Ort Liptovská Osada zur Linken mit dem Naturschutzgebiet Skalná Alpa der Nationalpark der Großen Fatra an. Sofern nicht wie so oft administrative Hürden im Wege stehen, wäre es außerdem sinnvoll, die Bahn nicht nur bis zum Heilbad Korytnica zu führen, sondern noch ein kurzes Stück weiter über die Landesbezirksgrenze zwischen dem Žilinský kraj und dem Banskobystrický kraj hinweg bis zum Wintersportort Donovaly.

Die Gegend um Ružomberok ist bei Ausflüglern und Urlaubern sehr beliebt und die durch das Tal führende Fernstraße I/59 mit einem Lkw-Anteil von 22 % stark überlastet. Das Institut für Verkehr und Wirtschaft (Inštitút pre dopravu a hospodárstvo; IDH) sieht die Lösung jedoch im Bau einer Schnellstraße R1 Banská Bystrica – Ružomberok durch das Tal, was vor Ort auf Protest stieß. Nichtsdestotrotz hat das Nationale Autobahnunternehmen (Národná diaľničná spoločnosť, a.s.; NDS) im Frühjahr 2018 an den beiden Enden die ersten Bauabschnitte ausgeschrieben, die über das operationelle Programm für die integrierte Infrastruktur 2014-2020 durch die Europäische Union finanziert werden sollen. Damit würden im Revúca- und Korytnická-Tal, wo die Trasse der ehemaligen Bahn parallel zur Straße verläuft, aber noch keine unumkehrbaren Fakten geschaffen, denn die Teilstücke von Banská Bystrica nach Slovenská Lupča sowie der Autobahnzubringer von Ružomberok betreffen diese nicht.

Wohl aber der Bau von sechs Abschnitten der R1-Schnellstraße, für die hier über 51 km durch die Nationalparks Niedere Tatra und Große Fatra sowie Natura-2000-Gebiete hindurch (!) derzeit der Genehmigungsprozess läuft. Im Sommer 2012 schätzte der Staat die Gesamtkosten für den Bau der Straße R1 auf dem Abschnitt Banská Bystrica – Ružomberok auf etwa 1,6 Mrd. EUR, darunter fallen drei Tunnel südlich von Korytnica. Allein für den Abschnitt Ružomberok – Korytnica sind 725 Mio. EUR vorgesehen, mithin ca. 19 Mal mehr als die Bahnstrecke kosten würde. Und zudem in der Sinnhaftigkeit völlig fraglich, da es als Nord-Süd-Straßenkorridor mit der bereits existierenden und geografisch viel besser trassierten Fernstraße I/65 Martin – Žiar nad Hronom (– Nitra) eine Alternative gäbe. Der nur kurzzeitig 2016 im Amt stehende slowakische Verkehrsminister Roman Brecely hatte, auch in Bezug auf dieses R1-Projekt, im Sommer 2016 finanzielle Bedenken für die landesweit schwierigsten Straßenprojekte geäußert und gab an, dass sie analysiert und neu bewertet werden müssten sowie für die Zukunft auch Eisenbahninvestitionen in Betracht gezogen werden sollten.

Es bleibt zu hoffen, dass für die einstige Lokalbahn nach Korytnica in dieser umweltsensiblen Lage doch moderne Zeiten als „Elektrische Bahn der Niederen Tatra“ anbrechen werden und sie nicht das Schicksal der österreichischen Salzkammergut-Lokalbahn (SKGLB) Salzburg – Bad Ischl teilt, die seit 1958 nicht mehr existiert und deren Fall mit auch bisher im Sande verlaufenden Wiederbelebungsversuchen ganz ähnlich gelagert ist. Möge die Slowakei doch hier zeigen, dass sie schlauer ist, schon allein aus Kostengründen den Bau der Schnellstraße dafür ad acta legt und mit dem gesparten Geld schneller den Weg zu einer klimaschützenden Verkehrspolitik pro Bahn einschlägt.

Die Fotos zeigen M152.0636 am 26.08.2018 in Ružomberok und in Zápalkáreň. Mangels Umsetzmöglichkeit am Streckenende fährt der Zug bei der Rückfahrt geschoben. Bei schlechtem Wetter – im trockenen Sommer 2018 wahrscheinlich sehr selten – kam es auch vor, dass dieser im Rosenberger Güterbahnhof abgestellt wurde und der Triebwagen dann solo fuhr.

Text und Fotos: Hans-Jürgen Schulz

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Letzte Änderung am Donnerstag, 30 August 2018 11:11

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