Nachdem sich auch die Stadt Turin am 29.10.18 gegen die Hochgeschwindigkeitsbahn Tav Lyon - Turin ausgesprochen hat, rüsten sich Gegner und Anhänger unter den Gruppierungen "No Tav" und "Si Tav" in den Medien zur Übernahme der Meinungshoheit - sogar eine Morddrohung vergiftete das Klima. Die Frage um Lyon -Turin reisst sowohl die Anhänger beider Richtungen als auch die Regierungsparteien auseinander.
Auf Antrag der Cinquestelle-Bewegung hat der Stadtrat von Torin am 29.10.18 mit 23 Ja-Stimmen und 2 Nein-Stimmen die Einstellung der Arbeiten an der Hochgeschwindigkeitsbahn Tav Lyon - Turin sowie sowie den Rücktritt der obersten Leitung des mit dem Bau beauftragten Konsortiums Telt und des Sonderbeauftragten der Regierung Paolo Foietta gefordert. Stattdessen sollen die Mittel für den Tav-Bau in Initiativen für nachhaltige Mobilität umgewandelt werden. Die Regierung solle bis zum Ende der Bewertungen der laufenden Kosten-Nutzen-Analyselaufenden Kosten-Nutzen-Analyse, deren Ergebnisse für Ende des Jahres erwartet werden, jegliche Arbeiten im Susa-Tal einstellen.
Die Bürgermeisterin von Turin, Chiara Appendino (5 Sterne), bekräftigte das "Nein" zur Tav: "Wir waren schon immer gegen die Tav, die Position ist schon seit einiger Zeit bekannt. Jetzt liegt die Entscheidung bei der Regierung und ich hoffe, dass sie zu einem schnellen Abschluss kommt." Der Präsident der Region Piemont, Sergio Chiamparino (PD), kritisierte dies stark: "Dass die Stadt Turin, die eines der beiden Pole der Verbindung mit Lyon ist, Nein zur Verbindung mit Frankreich sagt, erscheint mir als eine Blasphemie."
Nachdem der Stadtratserlass von der Gegengruppierung "NoTav" begrüßt wurde, haben sich neue Gruppierungen "Si Tav" und "Si, Torino va avanti" gebildet. Nach einer ersten Kundgebung am 03.11.18 rüsten die Befürworter unter dem ehemaligen Sekretär für Infrastruktur, Mino Giachinonun, zu einer großen friedlichen Veranstaltung "Torinodicebasta" (Turin sagt Basta) am 10.11.18.
Die Spaltung der Gesellschaft ging soweit, dass es am 03.11.18 eine anonyme Morddrohung gegen die Turiner Bürgermeisterin Chiara Appendino gab. "Sie und Ihre Sekte von verrückten und gescheiterten 5 Sternen haben Turin getötet - Sie müssen sterben."
Während sich die rechtsradikale Lega unter Matteo Salvini klar für den Weiterbau ausgesprochen hat, stellt die Frage für die italienische Fünf-Sterne-Bewegung ihr Grundsatzprogramm in Frage. Trotz des Beitritts zu einer populistischen Koalitionsregierung ist es ihr bisher nicht gelungen, eine Gaspipeline durch die Adria zu stoppen und ein dioxinbelastetes Stahlwerk im Süden zu schließen. Fünf-Sterne-Führer Luigi Di Maio warnte den stellvertretenden Vizepremier Matteo Salvini, dass seine Partei implodieren könnte, wenn sie eine weitere Niederlage erleidet, berichtete die Zeitung La Stampa vor einer Woche.
Da das Verkehrsministerium in Wochen entscheiden soll, ob die Eisenbahnverbindung fortgesetzt werden soll, hat der Fünf-Sterne-Chef seine Umwelteinwände zurückgestellt und versucht, ein wirtschaftliches Verfahren gegen den Tunnel einzuleiten. "Wir sind nicht gegen Hochgeschwindigkeitszüge an sich, wir sind gegen die Verschwendung von Geld, das anderswo verwendet werden könnte", sagte Di Maio am Freitag in einem Facebook Live-Video. "Das Projekt Tav hat im Moment keine Priorität. Wir brauchen es nicht. Es war vor 30 Jahren geplant, als Geld dafür verschwendet werde."
Die 8,6 Mrd. Euro teure Eisenbahnverbindung wird das Industriezentrum von Turin mit Lyon, der zweitgrößten Stadt Frankreichs, verbinden. Die Europäische Union wird die Hälfte der Kosten des Projekts übernehmen, wobei der Rest zwischen Paris und Rom aufgeteilt wird, was bedeutet, dass die Rechnung für Italien rund 2,5 Mrd. Euro betragen wird. Die italienische Wirtschaftslobby warnte, dass der Abbruch zusätzliche 9 Mrd. Euro an verlorenen Geschäften und 52.000 potenzielle neue Arbeitsplätze kosten würde.
WKZ, diverse Quellen