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Freitag, 24 November 2017 09:33

Kanada: Prozess um Lac-Mégantic bestätigt übliche Praxis durch Sicherung mit Druckluft- statt Handbremsen

Im Prozess gegen den Lokführer und zwei Betriebsleiter der Montreal Maine & Atlantic Railway (MMA), die wegen krimineller Fahrlässigkeit nach dem Unglück von Lac-Mégantic am 06.07.13 mit 47 Todesopfern angeklagt sind, hat gesern (23.11.17) der erste Sachverständige ausgesagt. Er erwähnte wiederholt, dass zur Sicherung eines abgestellten Zuges nur Handbremsen verwendet werden sollten. "Der einzige sichere Weg ist, eine ausreichende Anzahl von Handbremsen zu verwenden, um Bewegungen zu verhindern", sagte er zu Beginn seiner Zeugenaussage. Eine Effizienzprüfung muss ebenfalls vom Lokomotivführer durchgeführt werden. Im vorliegenden Fall hatte der Zug Betriebshalt in Nantes, geriet dann ins Rollen und entgleiste nach ungefähr zehn Kilometern in Lac-Mégantic.

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Im Kreuzverhör bemerkte der Sachverständige, es gäbe "eine Tendenz, sich auf Druckluftbremsen zu verlassen, um den Zug an Ort und Stelle zu halten". Dieser Trend sei "in der gesamten Branche weit verbreitet und wurde sogar in einigen schriftlichen Richtlinien formuliert und von den Aufsichtsbehörden toleriert." Die Abhängigkeit vom Luftdruck bedeute, dass viele unbeaufsichtigte Züge Gefahr laufen zu driften, wenn ein Ausfall die Funktion der Druckluftbremsen beeinträchtigt und nicht genügend Handbremsen vorhanden sind, um den Zug still zu halten.

Der Sachverständige bezeugte, dass 14 Handbremsen, einschließlich der Handbremsen der Lokomotiven, die weniger stark sind als die der Wagen, erforderlich gewesen wären, um den Zug ordnungsgemäß zu sichern. Der Lokomotivführer hatte nur sieben angezogen. Während eines Brandes in der Führungslokomotive wurde der Motor abgestellt und die Druckluftbremsen verloren an Wirkung, so dass die Handbremsen nicht ausreichten, um den Zug zu halten, der in der Innenstadt von Lac-Mégantic entgleiste und explodierte.

Laut dem Sachverständigen kann ein Zug, der in einem Gebiet mit einer Steigung von 1% oder mehr hält, ein gewisses Risiko darstellen. Unternehmen werden normalerweise zusätzliche Sicherheitsrichtlinien für bestimmte Standorte in ihrem Netzwerk festlegen. Auf dem betroffenen Abschnitt betrug die Steigung 0,9%-1%. Nach dem Wissen des Experten hatte die MMA für diesen Standort keine Risikobeurteilung durchgeführt.

Der Sachverständige erklärte außerdem, dass MMA die Ein-Personen-Zugpolitik ohne direkte Genehmigung von Transport Canada umgesetzt habe, wofür sie gesetzmäßig aber auch keine Genehmigung benötigte. "Angesichts der regulatorischen Struktur war keine Genehmigung erforderlich." Man sei sogar mit Transport Canada schon frühzeitig im Gespräch gewesen, um sicherzustellen, dass Ein-Personen-Lokomotivbesatzungen auf kanadischem Boden erlaubt sind, wie es in den Vereinigten Staaten seit mehreren Jahren der Fall ist.

WKZ, Quelle Radio Canada

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