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Dienstag, 19 Dezember 2017 07:00

Vereinigte Staaten: Amtrak-Zug entgleist und auf Autobahn gefallen - Drei Tote - Geschwindigkeitssensoren noch nicht eingebaut [Update]

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Fotos Trooper Brooke Bova‏ / Washington State Patrol District 1.

Der Amtrak Cascades Train 501 von Seattle nach Portland ist am Montagmorgen (Ortszeit) bei Dupont südlich von Tacoma, Washington entgleist. Der Zug stürzte von einer Überführung auf die Autobahn Interstate 5 und verschüttete mehrere Autos. Nach neuesten Angaben wurden drei Menschen im Zug getötet und etwa 100 verletzt, so der Sprecher des Pierce County Sheriff's Office. Die  Waggons des Zuges lagen zerstreut sowohl auf den Gleisen als auch der Autobahn. Mindestens fünf Fahrzeuge auf der Interstate 5 wurden getroffen - darunter zwei Sattelzüge.

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Der Point Defiance Bypass (orange), die alte Strecke (grün) und die Interstate 5 (hellgrün). Grafik Washington State Department of Transportation.

Der Zug unternahm seine Eröffnungsfahrt über den Point Defiance Bypass, einer für 180,7 Mio. USD neu eingerichteten, 14,5 Meilen langen Umfahrung, die den Betrieb beschleunigen soll. Die neue Umfahrungsstrecke vermeidet die Benutzung der alten Strecke entlang der Meeresbucht Puget Sound, die durch Kurven und eingleisige Tunnels eingeschränkt ist. Die neue Strecke wurde auf einer bestehenden Inlandsbahnstrecke gebaut, die früher im Besitz der BSNF Railway war und entlang der Interstate 5 von Tacoma nach DuPont führt. "Heute war der erste Tag des öffentlichen Gebrauchs der Schienen nach wochenlanger Inspektion und Prüfung," hiess es vom Washington State Department of Transportation.

Eine Sprecherin der Washington State Police sagte, dass der Tod dreier Personen bestätigt worden sei und etwa 100 Personen in Krankenhäuser transportiert worden seien, von denen sich viele in kritischem Zustand befinden. Es war unklar, ob schon alle Personen erfasst worden waren. Ursprüngliche Meldungen sprachen von sechs Toten.

Auf einer Pressekonferenz im Hauptquartier des National Transportation Safety Board in Washington (NTSB), D.C., wurden nur wenige Details über mögliche Ursachen genannt, da die Agenturbeamten noch vor Ort waren. Zu diesen Ermittlern gehören mindestens ein Dutzend Spezialisten in den Bereichen Zugbetrieb, Mechanik, Gleise, Signalsysteme, menschliche Leistungsfähigkeit und Überlebensfaktoren. Der leitende Ermittler ist Ted Turpin, der auch schon an der Amtrak-Entgleisung 2015 in Philadelphia gearbeitet hat und der leitender Ermittler des Zugunglücks auf Long Island Anfang des Jahres war.

Der Zug fuhr laut transitdocs.com, einer Website, die Amtrak-Zugstandorte und -Geschwindigkeiten mit Hilfe von Daten aus der Zugverfolgungsapplikation der Eisenbahn kartiert, kurz vor der Entgleisung mit einer Geschwindigkeit von 81,1 mph. Die Amtrak-Züge teilen die Strecke mit Güterzügen und dürfen mit einer Geschwindigkeit von 79 mph verkehren. Allerdings sollen die Züge im Bereich der Kurve über die Autobahn auf 30 mph reduzieren, so Rachelle Cunningham, eine Sprecherin von Sound Transit, die Eigentümerin der Schienen ist. Die Geschwindigkeit ist nun eine der ersten Faktoren, die untersucht werden.

Sie werden auch beurteilen, welches Crash-Vermeidungstechnologie auf den Gleisen oder im Zug vorhanden war und ob diese Technologie ordnungsgemäß funktionierte. Obwohl Amtrak-Züge damit ausgerüstet sind, sagte Amtrak, dass der Zug keine positive Zugsteuerung (positive train control, PTC) benutzte, ein System, das ihn verlangsamt hätte, als er in die Kurve einfuhr. Das System erfordert, dass Sensoren entlang des Schienenbettes gesetzt werden, deren Einbau nach Angabe des Washington State Department of Transportation erst im nächsten Jahr geplant ist. Das Bundesgesetz schreibt vor, dass die Eisenbahnen bis Ende 2018 eine positive Zugsteuerung haben müssen, die Züge automatisch verlangsamt, wenn sie Geschwindigkeitsbegrenzungen überschreiten oder sich gefährlichen Bedingungen nähern.

Ein pensionierter Amtrak-Mitarbeiter fuhr in der Business Class mit und sagte, dass der Zug eine Kurve befuhr, als er anfing zu wackeln. Dann fiel der Zug auf die Seite. "Es schien so, als würde er sehr schnell um die Ecke fahren und umkippen", sagte er. Kurz vor dem Unfall wunderte sich ein anderer Fahrgast, wie schnell der Zug fuhr, und bemerkte: "Wir überholen den Verkehr auf der I-5."

Die Todesfälle "sind alle auf den Zug beschränkt", sagte der Sprecher des Pierce County Sheriff's Office. Mehrere Autofahrer in Fahrzeugen, die von den gefallenen Waggons getroffen wurden, erlitten Verletzungen, aber es gab keine Todesopfer unter den Menschen in diesen Fahrzeugen. "Der einzige Zugteil, der auf den Schienen stehen blieb, war die hintere Lokomotive. Es gab mehrere Wagens, die über der Überführung hängen", sagte ein Zeuge der Zeitung Chicago Tribune.

Der Dienst Cascades befindet sich im gemeinsamen Besitz des Washington State Department of Transportation und des Oregon State Department of Transportation, wobei Amtrak den Dienst als Auftragnehmer betreibt und die Verantwortung für den laufenden Betrieb aufrechterhält. Amtraks Cascades-Züge verbinden 18 Städte entlang des I-5-Korridors, darunter Seattle, Portland, Vancouver, British Columbia und Eugene, Ore. Die Umgehungsstrecke ist widerum im Besitz des regionalen Nahverkehrsanbieters Sound Transit, während die Betriebsführung über den Frachtbetreiber BNSF abgewickelt wird.

Amerikas Präsident Trump schlug vor, die Amtrak-Subventionen für den Fernverkehr um 630 Mio. USD zu kürzen - fast die Hälfte der 1,4 Mrd. USD, die im Vorjahr bereitgestellt wurden - und argumentierte, dass die Züge oft zu spät kommen und mit Verlust fahren. "Amtraks Fernverkehrszüge erfüllen keinen lebenswichtigen Transportzweck und sind ein Überbleibsel aus der Zeit, als der Zugverkehr die einzig gangbare transkontinentale Transportmöglichkeit war", so sein Budgetplan. Als Reaktion auf den Unfall twitterte er aber, dass die Infrastruktur in Amerika verbessert werden müsse.

WKZ, Quelle CNN, CNBC, Chicago Tribune, Amtrak

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Letzte Änderung am Dienstag, 19 Dezember 2017 08:43