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Montag, 07 Mai 2018 07:00

Frankreich/Afrika: Ermittlungen gegen Vincent Bolloré - Was wird aus der Eisenbahnschleife "Blue Line"?

Gegen den bretonische Milliardär und Industriellen Vincent Bolloré ist am 25.04.18 in Frankreich nach zwei Tagen Haft wegen des Verdachts der Korruption und Bestechung von Amtsträgern bezüglich der Vergabe von Hafenkonzessionen von Conakry in Guinea und Lomé in Togo Anklage erhoben worden. Auf dem Gebiet von Hafen, Logistik, Schiene und Landwirtschaft hat sich die Gruppe Bolloré Africa Logistics (BAL) im Laufe der Jahre ein wirtschaftliches Imperium aufgebaut, das nun angesichts politischer Affären, wirtschaftspolitischer Änderungen und übermächtiger Konkurrenz zu zerbrechen droht.

Auf dem so genannten "Kontinent der Zukunft" betreibt BAL 18 Containerterminals, beherrscht den hochprofitablen Güterverkehrs- und Logistikmarkt und besitzt in Elfenbeinküste und Burkina Faso (Sitarail) sowie in Kamerun und Benin die Mehrzahl der Bahnkonzessionen. Das Bolloré-System im französischsprachigen Afrika gilt als "gut geölt", aber manchmal kommt es zu unglücklichen Fehlfunktionen.

BAL - im Jahr 2008 gegründet, um alle afrikanischen Aktivitäten der Bolloré-Gruppe zusammenzufassen - ist in zehn Jahren zum unangefochtenen Marktführer im Hafenumschlag im französischsprachigen Afrika geworden. An seinen Terminals schlägt BAL zwischen 30 % und 50 % der für Afrika strategischen Produktmengen wie Kakao, Holz und Baumwolle um. Die Bolloré-Gruppe erzielte 2017 ein Viertel ihres Umsatzes oder 2,5 Mrd. Euro in Afrika.

Bolloré konnte in den 2000er Jahren wie kein anderer von der Privatisierungswelle profitieren und mehrere afrikanischen Terminals nacheinander übernehmen. Um öffentlich-private Partnerschaften (PPPs) zu entwickeln, fanden die afrikanischen Länder in Bolloré einen interessierten Betreiber, der auch die aus der Kolonialzeit stammenden Infrastrukturen modernisierte.

In zehn Jahren hat die - seit 2016 von Vincent Bollorés Sohn Cyrille geleitete - BAL zwischen 1,5 und 2 Mrd. USD in ihre afrikanischen Konzessionen investiert. Die Häfen von Cotonou, Freetown oder Conakry wurden mit Portalkränen ausgestattet und verzeichnen Jahr für Jahr neue Rekorde im Containerverkehr. Das Pointe-Noire-Terminal etabliert sich als Referenzhafen für ganz Zentralafrika, während Abidjan seine Führung an der westafrikanischen Küste behauptet."Vincent Bolloré hat so wesentlich dazu beigetragen, Westafrika mit den Häfen auszustatten, die es braucht, um seinen Platz in einer globalisierten Wirtschaft zu halten", schreibt die Zeitung Jeune Afrique.

Der wirtschaftlich dringend erforderliche Verkauf der Reederei Delmas im Jahr 2005 leitete einen Strategiewechsel zur Landlogistik ein. Ende 2017 verfügte Bolloré so über das "erste Logistiknetz in Westafrika".

Doch die Lage in Afrika hat sich gewandelt, seitdem finanzstärkere Reedereien wie Maersk, MSC und CMA-CGM ihre eigenen Abfertigungs- und Logistikdienstleistungen schaffen. In dieser XXL-Welt verfügt BAL nicht über die gleichen finanziellen Ressourcen wie einige Wettbewerber. Hinzu kommen chinesische Infrastrukturausrüster, die nach Ostafrika jetzt auch in Westafrika Fuss fassen.

Im Eisenbahnsektor litt das Schleifenprojekt "Blue Line", dass Abidjan (Elfenbeinküste) über Ougadougou (Burkina Faso) und Niamey (Niger) mit der Hafenstadt Cotonou in Benin verbinden sollte, im Ostteil unter ständigen Konzessionsstreitigkeiten zwischen Boloré und der Gesellschaft Pétrolin aus Benin, nachdem es 2018 schließlich der China Railway Construction Corporation (CRCC) zugesprochen wurde. In Kamerun kamen bei der Entgleisung von Eseka Ende 2016 79 Menschen ums Leben und mehr als 600 wurden verletzt. Die Ermittlungen richten sich auch gegen Angrestellte der BAL-Gruppe.

Es wird sich zeigen, inwieweit diese Rückschläge im Eisenbahnsektor Bollorés Ambitionen den Todesstoß versetzten können. Die Gegner werfen Vincent Bolloré vor, die Wahl betroffener Präsidenten insbesondere in Guinea und Togo gegen logistische Zugeständnisse, insbesondere bei Konzessionen von Häfen oder Eisenbahnen, gesichert zu haben. In Verdacht gerät dabei auch die für Kommunikation zuständige Pariser Agentur Havas.

Nicht nur Vincent Bolloré ist angeklagt. Gilles Alix, Generaldirektor der Bolloré-Gruppe ist ebenfalls wegen Bestechung eines ausländischen Amtsträgers und Beihilfe zu Vertrauensbrüchen und der Verwendung von Fälschungen angeklagt. Jean-Philippe Dorent, Leiter der internationalen Abteilung von Havas Paris, wurde unter dem Status eines Mutmaßlichen Mitwissers (témoin assisté) der Bestechung ausländischer Amtsträger angeklagt.

In Afrika stellen sich nun zwei große Fragen zur Sicherstellung der Gesamtabwicklung des Bahnprojekts, wenn die Bolloré-Gruppe nicht mehr Projektleiter bleiben kann, und zur politischen Zukunft der Präsidenten einiger beteiligter Länder.

WKZ, Quelle Jeune Afrique, Le Monde

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