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Dienstag, 14 August 2018 07:10

China: Zerplatzt die Seifenblase der Belt-and-Road-Initiative?

Die Meinungsseite Opinion der Nachrichtenagentur Bloomberg sieht eine besorgniserregende Perspektive für China, einer "Möchtegern-Großmacht, deren gegenwärtige Wachstumsphase mit einer zunehmend aggressiven militärischen Haltung und einem Tsunami von Investitionen in ihrer strategischen Nachbarschaft verbunden ist". Geht China den Weg der Sowjetunion in den 70er und 80er Jahren und trägt die Belt-and-Road-Initiative in Verbindung mit innenpolitischen Spannungen langfristig zum Zerfall einer Wirtschaftsblase bei?

Großmächte sind nach Ansicht des Autors David Fickling die Nationen, die ihr wirtschaftliches Potenzial am besten nutzen, um militärische Stärke aufzubauen. Wenn beide übermäßig ausgedehnt werden müssen, benötigt es große Anstrengungen, um ein strategisches Ziel weiter zu erreichen. Dies führt dazu, dass der produktivere Teile der Wirtschaft an Kapital verhungert und das ganze System in eine Abwärtsspirale gerät.

Der Erfolg oder Misserfolg der Belt and Road-Projekte - und die noch größeren Summen, die derzeit im Inland ausgegeben werden - werden darüber entscheiden, ob China seinen Traum vom Wohlstand verwirklichen kann. Ein offener Rahmen von geschätzten 1,5 Billionen USD an Infrastrukturprojekten in Südostasien, Südasien und Zentralasien wird die Empfänger dieser Großzügigkeit als verschuldete Kunden Pekings zurück lassen. Ausfälle bei Investitionen bereiten dabei sowohl den Gläubigern als auch den Schuldnern Probleme. Das Risiko für Präsident Xi Jinping besteht darin, dass der Tribut all dieser fehlgeleiteten Ausgaben allmählich das Produktivitätswachstum untergraben kann, auf dem Chinas gegenwärtige Macht beruht.

Die Nachteile des Landtransports gegenüber dem Seetransport werden heutzutage durch die Existenz riesiger Containerschiffe, die in der Lage sind, fast eine Mrd. USD Fracht auf einmal zu transportieren, und die Vielfalt der verschiedenen Spurweiten in Asien, die kostspielige und zeitraubende Transfers erfordern, verstärkt.

Der Wert der Fracht zwischen Europa und Yiwu, einem vielgerühmten Landverkehrsknotenpunkt in der Nähe von Shanghai, belief sich in den ersten vier Monaten dieses Jahres auf 330 Mio. USD, so China Railway Express Co. Das ist etwa ein Drittel dessen, was man auf einem einzelnen Mega-Containerschiff erreicht, und es gibt Hunderte von etwas kleineren Schiffen, die auf Ost-West-Routen unterwegs sind. Allein die vier größten Häfen Chinas wickeln alle drei Stunden etwa den gleichen Frachtwert ab.

Es lohnt sich, all diese fehlgeleiteten Ausgaben im Zusammenhang mit dem Niedergang der Sowjetunion zu betrachten. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts leitete Moskau ein Wirtschaftswunder nach chinesischem Vorbild ein, in den 1950er Jahren wuchs die sowjetische Wirtschaft schneller als jede in einem anderen großen Land mit Ausnahme Japans. Dieser Entwicklungspfad geriet in den 70er Jahren ins Stocken, Gründe waren Planwirtschaft, ein Berg an Industriearbeitskräften und die enormen Militärausgaben des Kalten Krieges. Ab den 1960er Jahren saugte Sibirien etwa ein Drittel der schweren Baumaßnahmen der Sowjetunion zur Entwicklung von Gasabbau, Kohlebergwerken, Aluminiumwerken und einem Duplikat der Transsibirischen Eisenbahn auf, obwohl dort nur einen Bruchteil der Bevölkerung des Landes lebte. Die Produktivitätsrückgänge bei Öl, Kohle und Stahl in den 1970er und 1980er Jahren belasteten dann die Leistungsfähigkeit der gesamten sowjetischen Wirtschaft.

Könnte etwas Ähnliches in China passieren? Weniger entwickelte Teile Zentral-, Nord- und Westchinas haben nach offiziellen Angaben seit 2007 den Großteil des Anlagekapitals verschlungen. Die Lohnstückkosten haben das Produktivitätswachstum seit 2008 übertroffen, was bedeutet, dass die Wirtschaft im Laufe der Zeit immer weniger wettbewerbsfähig geworden ist. Die Umerziehung von Hunderttausenden von Uiguren und die Angst vor Abspaltungstendenzen äußerer Provinzen kosten Geld und verhindern produktives Wachstum.

Der Aufstieg Chinas in diesem Jahrhundert wurde durch die Umarmung des Welthandels insbesondere in den Küstenprovinzen getrieben. Doch das Landesinnere sät nun nach Meinung des Autos "die Samen des Niedergangs".

Es handelt sich im Beitrag von Bloomberg Opinion um eine sehr interessante These, aber es hat im Falle der Sowjetunion 35 Jahre gedauert, ehe der Niedergang einsetzte. So kann sich auch ein möglicher Niedergang Chinas noch noch Jahrzehnte hinziehen. In China leben etwa 1 Milliarde Menschen mehr als in den USA. Und die wollen alle den Wohlstand der Amerikaner erreichen, die mögliche Steigerungsrate des Binnenkonsums ist also gigantisch. Es wird demnach wohl noch ein paar Jahre dauern, bis Ikarus zu nah an die Sonne fliegt. Und wenn China stürzen sollte, dann bleibt auch in der Weltwirtschaft kein Auge trocken. China ist schon jetzt "too big to fail".

Hinzu kommt: es fehlt in China das Vorhandensein mehrerer Parteien und Wirtschafts-Philosophien. Eine Fehlentscheidung an höchster Stelle kann die ganze Wirtschaft in den Abgrundreißen. Demgegenüber steht, dass sich das Land von solchen katastrophalen Fehlentscheidungen (Maos) bereits mehrfach erholt hat.

WKZ, Bernd Seiler, Quelle Bloomberg

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Letzte Änderung am Dienstag, 14 August 2018 07:40